Die Gefahren von Verschwörungsideologien

Auch auf den sog. Montagsmahnwachen ersetzen oftmals primitive Verschwörungsideologien aller Couleur komplexere Erklärungsmodelle. Die Anzahl an Feindbildern von Illuminaten über Freimaurer und „Zionisten“ bis zu Reptilienmenschen ist kaum noch zu überblicken. Gemeinsam haben all diese Feindbilder, dass sie in den Augen der Verschwörungideologen das absolute Böse repräsentieren und sich für alles Schlechte der Welt verantwortlich zeichnen. Die Fiktion „des Bösen“ reduziert die komplexen Ursachen der Entstehung von Übeln auf die Wirkmacht einer einzigen diabolischen Kraft, konstruiert Zusammenhänge, wo keine vorhanden sind, und schafft so den Nährboden für Verschwörungstheorien jeglicher Art.

In verschwörungsideologischen Argumentationen steht der Täter in der Regel schon vor der Prüfung der Sachlage fest. Man verfährt hier quasi nach dem Sündenbockprinzip. Die Schuldigen bzw. die Täter stehen von vornherein fest und man spinnt Verschwörungstheorien als vermeintliche „Beweisführungen“. »Es wird ein strikt dualistisches, schwarz-weißes Weltbild mit klarer Rollenverteilung zwischen Gut und Böse gezeichnet: „die Mächtigen“ gegen „das Volk“, „die da oben“ gegen den „kleinen Mann“, das herrschende Unheil gegen das verlorene Heil. Die mit berückender Einfachheit scheinbar alles kohärent erklärende Kraft dieses mythischen Deutungsmusters bietet einen Ausweg aus der frustrierenden Mühseligkeit und Unzulänglichkeit rationaler Erklärungsversuche angesichts einer zunehmend unübersichtlichen und undurchschaubar erscheinenden Welt«.¹

Zentralsteuerungstheorien von einer sinistren Elite ersetzen komplexere Erklärungsmodelle

Zentralsteuerungstheorien von einer sinistren Elite ersetzen komplexere Erklärungsmodelle

Verschwörungsideologien konstruieren über ihr Freund/Feind-Schema und ein dualistisches Weltbild eine solidarisierte Gruppenidentität für die „ingroup“ der „guten“ Nichtverschwörer gegen die „outgroup“ der vermeintlichen „bösen“ Verschwörer. Aufgestaute Aggressionen werden mittels Verschwörungstheorien auf einen ideologischen Sündenbock, das einheitliche Feindbild, gesteuert. Ähnlich wie religiöse oder esoterische Weltanschauungen bieten Verschwörungsideologien durch ihre Integrations- und Abgrenzungsfunktion einen Orientierungsrahmen und stiften Überlegenheitsgefühle, die das Selbstwertgefühl gegenüber den „Feinden“ und Nicht-Gläubigen steigern.²

»Die Kategorisierung nach dem Gut-Böse-Schema war in der kulturellen Evolution der Menschheit gegenüber Alternativmodellen mit deutlichen Selektionsvorteilen verbunden. Kulturen, die „die anderen“, „die Fremden“, „die Abweichler“ mit dem Signum des Bösen versahen, konnten sich im globalen Wettstreit besser durchsetzen (das heißt: ihre Meme erfolgreicher kopieren) als jene, die mehr oder weniger unvoreingenommen auf Fremde zugingen. […] Der in der Geschichte wirksam gewordene Selektionsvorteil des Gut-versus-Böse-Memplexes ist darauf zurückzuführen, dass er mit zwei miteinander verzahnten Wirkungen verbunden ist: Erstens grenzt er den empathischen Eigennutz auf Ingroup-Mitglieder ein, was den Gruppenzusammenhalt stärkt. Zweitens setzt er das Empathievermögen gegenüber Outgroup-Personen«³ herab, sodass diese auch entmenschlicht werden können (siehe Beispielsweise Reptilienmenschen-Verschwörungstheorien).

Wohin es im Extremfall führen kann wenn man eine bestimmte Menschengruppe als das personifizierte Böse – in seiner Extremform bis zur Entmenschlichung – darstellt, das wissen wir aus der deutschen Geschichte nur allzu gut. »Die Eliminierung „des Juden“ erscheint aus der Perspektive des antijüdischen Memplexes, der die Vorstellungswelt Hitlers prägt, als die entscheidende Maßnahme zur Sicherung des Friedens und zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit: Die Entfernung des „im Juden“ verkörperten „radikal Bösen“ gilt ihm als Schlüsselweg zum Sieg „des Guten“«

Und letztendlich sind Verschwörungsideologien auch immer Mittel zum Zweck um Eigenverantwortung abzugeben. Terry Pratchett schreibt in seinem Roman Fliegende Fetzen über die fingierte Verschwörung:

»Es war viel einfacher, sich Männer in irgendeinem verrauchten Zimmer vorzustellen, von Privilegien und Macht um den Verstand gebrachte Personen, die voller Zynismus steckten und beim Brandy Intrigen spannen. An einem solchen Vorstellungsbild klammerte er sich fest. Sonst musste er sich der unangenehmen Tatsache stellen, dass schlimme Dinge passierten, weil ganz gewöhnliche Leute – Menschen, die den Hund bürsteten und ihren Kindern Gutenachtgeschichten erzählten – fähig waren, auf die Straße zu gehen und Schreckliches mit anderen ganz gewöhnlichen Leuten anzustellen.Ja, es war viel einfacher, Verschwörern die Schuld zu geben. Wie deprimierend, in diesem Zusammenhang “Wir” zu denken. Wenn Sie dahinterstecken … dann trifft uns überhaupt keine Schuld. Aber wenn das Wir der Wahrheit entspricht … Was bedeutet das für das Ich? Immerhin gehöre ich zu den Wir. Es käme mir nie in den Sinn, mich für einen von Ihnen zu halten. Niemand glaubt, einer von Ihnen zu sein. Jeder von Uns ist ein Teil des Wir. Für die schlimmen Dinge sind Sie verantwortlich.«

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Im Folgenden ein paar interessante Vorträge zu diesem Thema.

Zitatquellen:

¹ http://antifaschismus2.de/rechte-strategien/kultur/161-wie-faschistisch-sind-die-infokrieger

² http://www.carsten-pietsch.de/verschwoerungstheorien.pdf

³ Michael Schmidt-Salomon: Jenseits von Gut und Böse. Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind. Pendo Verlag, München-Zürich (2009). ISBN 3866122128

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1 Kommentar

  1. Pingback: Charlie Hebdo – Der Verschwörung zweiter Teil | GenFM-Blog

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