Der Antisemitismus der Mahnwachen-Protagonisten

Simplifizierende Feindbildkonstruktionen können gegenüber komplexeren Erklärungsmodellen attraktiver erscheinen. Die Nachfrage nach einfach strukturierten Deutungsmustern wird von Propagandisten aller Couleur ideologisch für sich genutzt.

Geschichtsrevisionistische Behauptungen und antiamerikanische bis offen antisemitische Ressentiments sind ein durchgehendes argumentatives Motiv vieler Akteure der sog. Montagsmahnwachen. Lars Mährholz machte in einem Interview mit The Voice of Russia Berlin die US-Notenbank u.a. für die NS-Verbrechen verantwortlich, indem er behauptete, dass die FED an allen Kriegen der letzten 100 Jahre schuld sei. Neben der vermeintlichen Rolle der FED als maßgeblichen Kriegstreiber der letzten 100 Jahre fantasiert Mährholz von einem allmächtigen Imperium der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild. Um seine Behauptungen zu belegen bezieht er sich u.a. auf den Blog des vorbestraften Holocaustleugners Honigmann. Die Rothschilds waren bereits in der nationalsozialistischen Propaganda die Verkörperung des »Weltjudentums«. Siehe dazu beispielsweise den NS-Propagandafilm »Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo«. Auch Ken Jebsen propagiert, dass die FED die »Wurzel allen Übels« sei und sogar der Zweite Weltkrieg von den »Schergen der FED angeschoben und finanziert« wurde. Das verschwörungsideologische Hip-Hop-Duo Die Bandbreite stößt ins gleiche Horn und vermutet in ihrem Song Danke für das Monster vor allem US-amerikanische Konzerne und Industrielle als heimliche Strippenzieher im Dritten Reich. Bandleader Marcel Wojnarowicz spricht gar davon, dass Israel fast schon eine Ausrottung an den Palästinensern vollziehe und bekommt von der NPD Applaus, die über Die Bandbreite wohlwollend schrieb: »Mit den Musik­ti­teln (…) durch­bricht die Musik­gruppe das volks­feind­li­che, ame­ri­ka­ni­sierte, unso­ziale und israel­hö­rige Mei­nungs­mo­no­pol der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Medien«.

»Der Antisemitismus ist dem Nationalismus blutsverwandt und dessen bester Alliierter.« (Carl von Ossietzky)

Ken Jebsen versteht es allerdings Märchenholz mit einer in mehrfacher Hinsicht noch absurderen Behauptung zu toppen. In einem offenen Brief an Angela Merkel schrieb er: »Nationalzionisten haben Israel okkupiert wie Nazis 33 Deutschland okkupiert haben…«. Jebsen impliziert nicht nur, dass die deutsche Bevölkerung nichts mit der Machtergreifung zu tun gehabt hätte, denn die Nazis hätten schließlich Deutschland »okkupiert« (die Nazis haben Deutschland aber nicht okkupiert/besetzt, sondern wurden gewählt und hätten ohne einen entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung nicht an die Macht kommen und regieren können), sondern deutet mit seinem Vokabular auch eine unappetitliche Gleichsetzung von Zionismus (Jebsen: »Nationalzionismus«) und Nationalsozialismus an. Der logistisch von langer Hand geplante und industriell durchgeführte Völkermord an ca. 6 Millionen Jüdinnen und Juden ist aber ob der Dimension seiner Entstehung, Planung und Durchführung singulär. Der Historiker Yehuda Bauer etwa bezeichnete den Holocaust als einzigartige, vorher nie da gewesene Form eines Genozids »weil er zum Tod jedes Einzelnen mit drei oder vier jüdischen Großeltern führen sollte. Mit anderen Worten: Das Verbrechen dieser Menschen war, überhaupt geboren zu sein. […] Alle anderen Genozide, die es vor, während und nach dem NS-Regime gab, waren lokaler Natur, d. h., der Genozid ereignete sich innerhalb einer bestimmten geografischen Region. Im Falle des Holocaust hatte Deutschland jedoch jeden einzelnen Juden auf der ganzen Welt im Visier. Die NS-Ideologie war eine universale, globale und mörderische Ideologie. […] [Sie] wurzelte nicht in einem politischen, ökonomischen oder militärischen Pragmatismus. Sie gründete auf der puren Fantasie von einer jüdischen Verschwörung, die angeblich die ganze Welt beherrschte.« Warum versuchen also heute Menschen die Politik Israels mit den Taten der Nazis gleichzusetzen? »Um das einseitige Aggressorbild Israels aufrechterhalten zu können, werden Referenzialisierungen konstruiert, die auf Falschaussagen basieren. Die Verfälschung von Fakten erfolgt durch Umkehrung, Auslassung oder Relativierung von Sachverhaltsinformationen. Auf diese Weise erzeugen die sprachlinchen Strukturen ein Feindbild Israel, das zwar mit der Realität nicht kompatibel ist, dafür aber exakt das repräsentiert, was dem judeophoben Weltbild entspricht und das damit genau die ihm zugewiesene Funktion erfüllt. […] Um das Ausmaß israelischer Gewalt verbal höchstmöglich zu potenzieren, werden mit NS-Vergleichen irreale Kontrastierungen etabliert. Sie konstituierten absolute Täter-Opfer-Oppositionen. […] Juden erscheinen so (in der Täter-Opfer-Umkehr) als Tätervolk. Neben ihrer diskreditierenden Funktion dienen diese unangemessenen vergleiche stets auch der Schuldabrechnung.«²

Die Täter-Opfer-Umkehr-Strategie – bzw. eine Analogie welche die Militärschläge Israels mit dem Massenmord an den europäischen Juden gleichsetzt – dient zum einen einer Schuldabwehr- und Entlastungsdimension und zum anderen findet eine de-realisierende Relativierung des Holocaust statt. »Die Täter-Opfer-Umkehr ist ein zentraler Bestandteil des israelbezogenen Antisemitismus. Wie solch ein antisemitischer Diskurs in Gewalt umschlagen bzw. sie bedingen kann, zeigt der Blick auf die Israeldebatten der außerparlamentarischen Linken Ende der 60er Jahre […] Angesichts Zustimmungsraten von bis zu über 50% der deutschen Mehrheitsbevölkerung zu Aussagen, die die Politik Israels mit der des Nationalsozialismus auf eine Ebene stellt, wird deutlich, wie aktuell, wie wirkungsmächtig und breit verankert die Täter-Opfer-Umkehr bei Debatten über Israel derzeit ist. Israelbezogener Antisemitismus stellt eine akute Bedrohung der demokratischen Kultur, aber auch für die Unversehrtheit von Jüdinnen und Juden und alle dar, die als Repräsentanten oder Sympathisantinnen Israels wahrgenommen werden«.³ Siehe zu diesem Themenkomplex auch den GenFM-Artikel Israel-Kritik versus Anti-Israelismus.

»Der Antisemitismus ist stets ein Symptom reaktionärer Hochkonjunktur.« (Erich Mühsam)

Ken Jebsen schwafelt neben der vermeintlichen Allmacht der FED und seiner israelbezogenen Täter-Opfer-Umkehr von dem Einfluss einer jüdischen Lobby welche angeblich die Politik der USA maßgeblich bestimmen würde. So behauptet er, dass 2-3% der Amerikaner mit »jüdischen Roots« »nicht nur die öffentliche Meinung manipulieren, sondern Politik- und Lobbypositionen besetzen, Präsidenten machen, beraten und sich deren Reden an die Nation vorlegen lassen, die bei Missfallen geändert werden, bevor sie der US-amerikanischen Öffentlichkeit zur Kenntnis gelangen«. Andreas Popp meint gar, dass man Israel nicht öffentlich kritisieren könne, ohne Gefahr zu laufen ermordet zu werden und spricht sich für die Abschaffung des Begriffs »Antisemitismus« aus»Solche Sprachstrukturen unterstellen aufgrund ihrer semantischen Information, es gebe ein Meinungsdiktat und eine Tabuisierung« der Israelkritik. Dadurch wird de facto etwas nicht Existierendes sprachlich geradezu heraufbeschworen. Ähnlich verhält es sich mit der Metapher „Antisemitismuskeule“, die impliziert, Israel-Kritikern würde stets der Antisemitismusvorwurf gemacht, obgleich der Vorwurf immer nur dann erhoben wird, wenn tatsächlich eine antisemitische Äußerung produziert wurde. Fragen und Behauptungen dieser Art werden keineswegs aus naiver Dummheit oder Unkenntnis geäußert, vielmehr dienen sie den Medien als populistische Aufmerksamkeitsverstärker. Antisemiten inszenieren ihre Kritik an Israel dagegen kalkuliert als Tabubruch, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus immun zu machen. Die Kritik dient so der Ablenkung von ihrer judenfeindlichen Einstellung und zugleich der Delegitimierung ihrer Kritiker«.²

»Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.« (Ferdinand Kronawetter)

Auch Jürgen Elsässer meint, dass das Übel Namen und Adresse hätte und verweist dabei u.a. auf die Rothschilds. Ralf Schurig schreibt auf seinem Blog neben einem »Holocaust an deutschen Kriegsgefangenen« auch von Israel als einem »Fremdkörper im Nahen Osten«. Schurig schwurbelt außerdem von einer »Kollektivschuld« die den Deutschen als »psychologische Kriegsführung« eingetrichtert würde, damit kein Deutscher auf die Idee kommen würde, auf »die Massenmorde und den geplanten Megagenozid der jüdischen Elite« hinzuweisen. Selbst Rüdiger Lenz macht die Familie Rothschild für das Verschwinden des Malaysia-Airlines-Flugs 370 verantwortlich. Diese Konstruktion eines bestimmten Feindbildes ist dabei so primitiv wie offensichtlich.

Dr. Norbert Finzsch (Professor für angloamerikanische Geschichte an der Universität zu Köln) über die Verschwörungstheorien um die FED:

Abschließend ein Zitat aus dem Roman Tonspuren von Elliot Perlman:

»„Der Feind“, erklärte Jake Zignelik, „ist der Rassismus. Aber weißt du, Rassismus ist keine Person. Das ist ein Virus, der die Menschen befällt. Der ganze Dörfer und Städte, ganze Länder befallen kann. Manchmal siehst du es den Menschen im Gesicht an, wenn sie krank davon sind. Er kann sogar gute Menschen lähmen. Er kann Regierungen lähmen. Wir müssen ihn bekämpfen, wo immer wir ihn finden. Das ist es, was gute Menschen tun“.«

Zitatquellen:

¹ http://www.cicero.de/weltbuehne/usa-bashing-die-amerikaner-sind-gefaehrlich-eigennuetzig-und-profitgierig/57118

² Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

³ http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf

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5 Kommentare

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