Israel-Kritik versus Anti-Israelismus

Auszug aus dem Buch „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ von Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz

»Israel, das wichtigste Symbol jüdischen Lebens und Überlebens, ist für Antisemiten eine ungeheure Provokation und steht daher seit seiner Gründung im Fokus (rechts- und links)extremistischer Diffamierungskampagnen und Hetzpropaganda. Seit einigen Jahren sind aber auch zunehmend im öffentlichen Kommunikationsraum – unabhängig von politischer oder ideologischer Ausrichtung – Brachialverbalismen gegenüber Israel zu verzeichnen, die die Grenzen von legitimer Kritik und problematisierender Reflexion überschreiten und judenfeindliches Gedankengut (teils bewusst und kalkuliert, teils aber auch gedankenlos und nicht-intentional) in die Mitte der Gesellschaft tragen und das Sagbarkeitsfeld für Antisemiten erweitern, ohne dass hinreichend Widerstand dagegen geleistet wird. Es kommt z.B. häufig (auch im massenmedialen Kommunikationsraum) zu unangemessenen Referenzalisierungen mittels NS-Vergleichen wie „Nazi-Methoden“ oder „Staatsterror wie im Dritten Reich“ und Phrasen wie „rassistischer Apartheidstaat“ oder „terroristisches Unrechtsregime“. Wie massiv solche Äußerungsformen die öffentliche Meinung und das kollektive Bewusstsein beeinflussen, zeigen diverse Umfragen, die belegen, wie verbreitet die negative Gesamteinschätzung des Staates Israel in der Bevölkerung mittlerweile ist. So wurde Israel von 65 Prozent der Befragten in Deutschland 2003 als „größte Gefahr für den Weltfrieden“ gesehen (EC 2003). Im Januar 2007 waren drei von zehn befragten Deutschen laut einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung der Meinung, dass Israel „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führe und dass das, „was der Staat Israel mit den Palästinensern macht“, nichts anderes sei als das, „was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“ (Bertelsmann 2009). Bei einer 2012 vom Stern in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage waren 70 Prozent der Befragten der Meinung, „Israel verfolge seine Interessen ohne Rücksicht auf andere Völker“. 59 Prozent beurteilen das Land als „aggressiv“ und 13 Prozent sprachen dem Staat sogar das Existenzrecht ab (Weber 2012). Diese Ergebnisse sind als das unmittelbare Resultat jahrelanger Diffamierungskampagnen gegen Israel sowie der zum Teil einseitigen, emotionalen Berichterstattung zum Nahostkonflikt in den Medien zu bewerten.
Eine damit verbundene Frage, die bereits seit Jahren nicht nur in der Antisemitismusforschung, sondern vor allem auch in der Gesellschaft aus gegebenen Anlässen heftig und kontrovers diskutiert , aber bislang wissenschaftlich noch nicht präzise genug und nachvollziehbar beantwortet wurde, betrifft die Abgrenzung von Israel-Kritik (als kommunikativ legitimer Meinungsäußerung) und Anti-Israelismus (als einer aktuellen Formvariante von Judenfeindschaft). Im 21. Jahrhundert ist die als Israel-Kritik deklarierte, tatsächlich aber antisemitisch fundierte Umwegkommunikation, [3] die auf Israel referiert, aber Juden allgemein meint, die dominante Verbalisierungsmanifestation für die Artikulation und Verbreitung von judenfeindlichem Gedankengut. Israel wird mittels der Sprache verteufelt und an den Pranger gestellt, und es hat sich so (unter Rekurs auf alte judeophobe Stereotype) über die letzten Jahre ein anti-israelisches Zerrbild etabliert. Gesellschaftlich problematisch an dieser Sachlage ist dabei vor allem, dass es nicht nur kein ausgeprägtes Problembewusstsein für die Gefahren eines solchen (Stereotype transportieren und verstärken Ressentiments) Sprachgebrauchs gibt, sondern dass auch reflexartig Verteidigungsmechanismen für ihn einsetzen, die eine gesamtgesellschaftliche Kritik und Zurückweisung verhindern. Die Versuche der Wissenschaft, die Brisanz bestimmter Kommunikationsformen und Sprachgebrauchsmuster bei diesem Thema aufzuzeigen, stoßen oft sofort auf eine automatische, emotionale Abwehrhaltung bei vielen Deutschen. Von Äußerungen wie „Das ist eine Gleichschaltungspolitik!“ bis „Wir sollen alle mundtot gemacht werden“ reicht die Palette der Abwehrkommunikation, die auch von Vertreten der sogenannten Eliten(institutionen) benutzt wird. Die prinzipielle Verweigerung vieler Menschen, sich auf eine seriöse, an Fakten orientierte Diskussion einzulassen oder wenigstens Zweifel an der unangemessenen Form bestimmter Sprachhandlungen zulassen, erschwert eine sachliche Auseinandersetzung. Die nach den Verbrechen der NS-Zeit entwickelten Maximen von „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“ in Bezug auf Stereotypkodierung sowie das Bewusstsein für die Gefahren und möglichen Auswirkungen eines auf drastische Feindbildrhetorik reduzierten Sprachgebrauchs scheint dabei auch bei gebildeten Menschen, die entsprechende Äußerungen als „Meinungsfreiheit“ und „individuellen Einstellungsausdruck“ verharmlosen oder sogar verteidigen, komplett ausgeblendet zu sein.
In diesem Zusammenhang ergeben sich zwei Fragen, die seit einigen Jahren fast turnusmäßig immer wieder (auch in den Massenmedien, die hier zum Teil in Bezug auf kritische Reflexion und Aufklärungsfunktion versagen) [5] aufs Neue gestellt werden: erstens, ob Kritik an Israel bzw. israelischer Politik prinzipiell und per se als judenfeindlich oder zumindest brisant eingestuft werden muss, und zweitens, wann eine israel-kritische Äußerung in Wahrheit nur eine verschleierte Form von Antisemitismus ist. Die erste, im öffentlichen Diskussionsraum bereits unzählige Male gestellte Frage, die eigentlich völlig überflüssig ist, da sie längst schon beantwortet wurde und durch die Kommunikationspraxis widerlegt ist, lässt sich einfach, unzweideutig und ohne jede weitere Erläuterung beantworten: Selbstverständlich ist (auch eine unter Umständen sehr scharfe) Kritik an bestimmten Entscheidungen israelischer Regierungsvertreter oder extremer nationalistischer Gruppierungen im Land oder Aktionen der israelischen Militärs kein Antisemitismus, sondern legitimer Ausdruck von politischer Auseinandersetzung und problemorientierter Kommunikation. Entsprechend gibt es, wie bei jedem anderen Land der Erde auch, Vieles, was aus der Innen- [6] und Außenperspektive kritisch angesprochen wird. Dies geschieht kontinuierlich in allen deutschen (und westlichen) Massenmedien, insbesondere in Bezug auf den noch nicht gelösten Konflikt mit den Palästinensern, und bislang ist auch noch nie einem seriösen Kritiker israelischer Siedlungspolitik oder Militäraktionen vorgeworfen worden, es handele sich bei seinen Äußerungen um Antisemitismus. Dieser Vorwurf wird immer dann erhoben, wenn es sich um antiisraelische Äußerungen handelt, die antisemitischen Stereotype vermitteln und/oder Brachialverbalismen enthalten, die faktisch falschen Informationen vermitteln [7] und/oder das Potenzial haben, eine judenfeindliche Stimmung zu erzeugen. Doch hält sich hartnäckig, fast obsessiv, trotz der andersgearteten Realität und aller faktischen Widerlegungen, das Klischee, Kritik an Israel sei in Deutschland aufgrund der NS-Geschichte ein Tabu […]. Die Behauptung, es gebe ein Kritiktabu, bedient dabei selbst ein tradiertes judeophobes Klischee, das seit dem 19. Jahrhundert existiert und auf der Konzeptualisierung basiert, es gebe eine jüdisch bestimmte Presse, die in Deutschland den Ton angibt. Seine Artikulation stützt somit die verschwörungstheoretisch determinierte Position der Sprachproduzenten, die sich zugleich als Verfechter der Meinungsfreiheit generieren können. […] Dass (sogar im Gegenteil) kein Staat der Welt so unverhältnismäßig oft und heftig kritisiert wird wie Israel, [8] wird […] ignoriert oder geleugnet. Auffällig und signifikant ist in diesem Zusammenhang, dass dieses angebliche Meinungsdiktat stets nur von Personen unterstellt wird, deren Äußerungen nicht als israel-kritisch, sondern als verbal-antisemitisch einzustufen sind. Damit kommen wir zur zweiten Frage, die oben angesprochen wurde, der Abgrenzung und Unterscheidung der beiden Sprechhandlungstypen Israel-Kritik und Antisemitismus.[9] Allen bislang in der öffentlichen Diskussion vorgebrachten Bedenken und Negierungen zum Trotz ist hier eine klare Unterscheidung möglich: Beide Kommunikativen Phänomene können mittels kognitions- und sprachwissenschaftlicher Kriterien voneinander abgegrenzt werden. Die Negierungen in Bezug auf eine solche Abgrenzungsmöglichkeit zeigen nur das Bedürfnis von Antisemiten, sich die öffentlich artikulierbaren Formen der Judeophobie nicht nehmen lassen zu wollen. Je mehr Argumente und Fakten aus der Forschung kommen, die die antisemitische Dimension des Anti-Israelismus transparent machen, desto größer und erbitterter ist der Widerstand der selbsterklärten Israel-Kritiker. Selbst klar als verbal-antisemitisch erkennbaren Äußerungen werden als „anti-antisemitisch“ ausgegeben. Zugleich verteidigen auch viele Politiker und Journalisten oft Personen, die sich dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt sehen: Sie seien „nur kritisch“ oder hätten „nur ungeschickt formuliert“. Diese Fehldeutungen und Marginalisierungen entstehen teils aus dem Mangel an Kenntnis über die tradierten und aktuellen Ausdrucksvarianten des Verbal-Antisemitismus und teils aus der Unterschätzung des Potenzials der sprachlichen Dämonisierungsrhetorik. Nicht dass Kritik geübt wird, sondern wie diese argumentativ begründet und sprachlich formuliert wird, ist für diese Diskussion entscheidend. Wenn Israel als Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments dient und tradierte antijüdische Stereotype und Argumente benutzt werden, um den Staat Israel generell zu diskreditieren, wenn seine jüdischen Bürger kollektiv dämonisiert werden und seine Existenzberechtigung als jüdischer Staat in Frage gestellt wird, wenn ein irreales Feindbild von Israel konstruiert wird, dann liegt keine Israel-Kritik, sondern verbaler Antisemitismus in der Formvariante des Anti-Israelismus vor.«

Fußnoten:

[2] Im April 2012 z.B. anlässlich des israelfeindlichen Gedichts von Günter Grass, dessen Publikation in mehreren Zeitungen der Mainstreampresse zu einer heftigen Debatte führte.

[3] Da der offene Antisemitismus seit 1945 verpönt ist und sanktioniert wird, hat sich diese Variante der impliziten Verbalisierungsform etabliert […]. Die Sprachproduzenten können sich stets auf die Schutzbehauptung zurückziehen, sie seien keineswegs antisemitisch eingestellt, sondern würden lediglich Kritik an Israel üben. Teilweise handelt es sich allerdings nicht um einen „kommunikativen Umweg“, sondern um eine Doppel-Referenz-Kommunikation, insofern, als zugleich Juden und der Staat Israel angegriffen werden […].

[5] Vgl. etwa Schlagzeilen wie „Darf man Israel kritisieren?“ oder „Wie viel Kritik an Israel ist Deutschen erlaubt?“ sowie diverse ähnliche Varianten, die in Printmedien, Rundfunk- Fernsehsendungen regelmäßig benutzt werden. Solche Sprachstrukturen unterstellen aufgrund ihrer semantischen Information, es gebe ein Meinungsdiktat und eine Tabuisierung. Dadurch wird de facto etwas nicht Existierendes sprachlich geradezu heraufbeschworen. Ähnlich verhält es sich mit der Metapher „Antisemitismuskeule“, die impliziert, Israel-Kritikern würde stets der Antisemitismusvorwurf gemacht, obgleich der Vorwurf immer nur dann erhoben wird, wenn tatsächlich eine antisemitische Äußerung produziert wurde. Fragen und Behauptungen dieser Art werden keineswegs aus naiver Dummheit oder Unkenntnis geäußert, vielmehr dienen sie den Medien als populistische Aufmerksamkeitsverstärker. Antisemiten inszenieren ihre Kritik an Israel dagegen kalkuliert als Tabubruch, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus immun zu machen. Die Kritik dient so der Ablenkung von ihrer judenfeindlichen Einstellung und zugleich der Delegitimierung ihrer Kritiker.

[6] Einige der schärfsten Kritiker israelischer Siedlungs- und Militärpolitik sind Israelis.

[7] So stellte z.B. Günter Grass in seinem Text den atomaren Konflikt zwischen dem Iran und Israel völlig realitätsverzerrend dar, indem er Israel unterstellte, einen Angriff gegen das iranische Volk zu planen, während die realen Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der als „Maulheld“ bezeichnet wurde, gegenüber Israel marginalisiert wurden. Das von Grass bereits im Titel „Was gesagt werden muss“ unterstellte Tabu der Israel-Kritik stellte ebenfalls eine drastischem stereotypbasierte De-Realisierung dar. Dennoch nahm beispielsweise der Präsident der Akademie der Künste Grass folgerndermaßen in Schutz: „Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“, Grass habe „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite“ und nur „seiner Sorge Ausdruck verliehen“ (Klaus Staeck am 05.04.12 in der in Halle erscheinenden Mitteldeutschen Zeitung). Der Schriftsteller Rolf Hochhuth trat dagegen aus Protest gegen die anlässlich der Grass-Debatte entfachten Diskussion aus der Akademie aus.

[8] […] Kontrastive Untersuchungen zur massenmedialen Krisen- und Konfliktberichterstattung zeigen, dass die Nahostberichterstattung in Deutschland einen wesentlich breiteren Raum einnimmt als z.B. die Berichterstattung zum Indien-Pakistan-Konflikt oder zu Nordkorea, obgleich bei diesen Konflikten de facto das Gefahrenpotenzial ein viel Höheres ist. Entsprechend ist es mit der Verteilung der Internet-Kommentare. Das Emotionspotenzial ist zudem bei israel-kritischen Texten wesentlich höher […]. Es kommt insgesamt zu mehr Schuldzuweisungen und monokausalen Erklärungen sowie pauschalen Opfer-Täter-Festlegungen.

[9] Antizionismus ist eine dritte Variante. Da aber oft Anti-Israelismus und Antizionismus untrennbar miteinander gekoppelt sind und sprachlich zumeist keine Differenzierung vorgenommen wird, subsumieren wir diese Variante unter Anti-Israelismus. […]

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Quelle: Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

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