Susan Bonath – Eine Junge Welt-Journalistin auf Abwegen

Susan Bonath ist Sachsen-Anhalt-Korrespondentin der Tageszeitung Junge Welt. Sie ist ebenfalls in der Facebook-Gruppe »Junge Welt« aktiv und verbreitet dort ihre teils sehr kruden Behauptungen. Bedauerlicherweise werden kritische Stimmen (in Bezug auf die sog. Montagsmahnwachen, antisemitische Argumentationen etc.) in der Regel aus der Gruppe entfernt, während der Administrator der Gruppe mit antisemitischen Äußerungen anscheinend weniger Probleme hat, denn rausgeworfen oder zumindest verwarnt werden Verfasser derartiger Ergüsse nicht:

Bruder

Auf der Facebook-Seite von Jutta Ditfurth wurden Screenshots einer Konversation veröffentlicht, an der die Junge Welt-Journalistinnen Claudia Wangerin und Susan Bonath sowie der Administrator der Gruppe Helmut-Alexander Kalex beteiligt waren. Susan Bonath schrieb dort wieder mal recht krude Kommentare. Exemplarisch wollen wir uns zwei ihrer Kommentare herauspicken und uns an einen Faktencheck wagen.

SusanZitat

Susan Bonath: »Antisemitisch nach unserem Verständnis – ein sinnvolleres Wort wäre antijüdisch – ist, wenn einer Menschen jüdischen Glaubens hasst und ihnen aufgrund dieses Glaubens irgendeine Schuld in die Schuhe schiebt.«

Das ist falsch… Eine überwiegend religiös motivierte Judenfeindschaft bezeichnet man als Antijudaismus. Ein bekanntes Beispiel hierfür sind die antijudaistischen Schriften Martin Luthers. Luther gilt allerdings gemeinhin auch als einer der Wegbereiter des modernen Antisemitismus.

Den völkischen Antisemitismus kennzeichnet eine veränderte Auffassung von den Juden, die nun nicht mehr primär über ihre Religion definiert werden, sondern als Volk, Nation oder Rasse. Die Nationalsozialisten  haben dem Judentum einen »rassischen« Charakter angedichtet. Man sprach von den »fremden jüdischen Elementen« die die »ethnisch einheitlichen« Völker zersetzen würden.

»Antisemitismus ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche ideologische Begründungen für die pauschale Feindschaft gegen und Herabwürdigung von Juden. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich religiöse, soziale, politische, rassistische, sekundäre und antizionistische Ideologieformen heraus.«

Siehe dazu den entsprechenden Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung:

http://www.bpb.de/apuz/30327/ideologische-erscheinungsformen-des-antisemitismus?p=all

Susan Bonath: »Orthodoxe Juden, also jene, die ihre Religion ernst nehmen, prangern den Zionismus an. Ein Berliner Jude sagte mir, dass „Zionisten den jüdischen Glauben für ihre rassistischen Machtansprüche missbrauchen“. […] Dass das größte Anliegen der Zionisten schon immer der Staat Israel war – während die gläubigen Juden auf Gottes Eingriff warteten und einen eigenen Staat immer ablehnten – geht sehr anschaulich aus Theodor Herzls Buch „Der Judenstaat“ von 1896 hervor. […] Wer Zionismus mit Judentum gleichsetzt, ist in meinen Augen ein rechter Tatsachenverdreher. […] Wer Juden, die Zionismus ablehnen, das Recht auf jüdischen Glauben abspricht oder sie, wie Hendryk M. Broder, als „Kostümjuden“ betitelt, ist ein rechter Demagoge.«

Das ist falsch. Es leben ca. 700.000 orthodoxe Juden in Israel, wo sie rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Seit 1911 existiert das sog. Oberrabbinat. Dem israelischen Oberrabbinat stehen derzeit zwei ultraorthodoxe, ein aschkenasischer und ein sephardischer Oberrabbiner vor. Die allermeisten orthodoxen Juden sind also keineswegs Antizionisten.

Wahr ist hingegen, dass es ultraorthodoxe Strömungen gibt, die den Staat Israel bzw. den Zionismus aus religiösen Gründen absolut ablehnend gegenüberstehen und als einen Frevel gegen das Judentum ansehen. Laut den antizionistisch-ultraorthodoxen Juden könne nur Gott höchstpersönlich einen Staat Israel ausrufen. Die größte antizionistisch-ultraorthodoxe Glaubensgemeinschaft ist Neturei Karta mit weltweit 5000 – 8000 Anhängern. Neturei Karta ist vor allem wegen ihrer Teilnahme auf der Holocaustleugner-Konferenz im Iran in die Kritik geraten. Homosexualität, die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und andere liberale Werte innerhalb der israelischen Gesellschaft, lehnt Neturei Karta genauso wie den Staat Israel selbst ab. Bei dem bekanntesten deutschen Vertreter Neturei Kartas dürfte es sich um Reuven Jisroel Cabelman handeln. Der Konvertit Cabelman wurde ob seiner israelfeindlichen Haltung von Hendry M. Broder als »Kostümjude« bezeichnet. Neturei Karta im Allgemeinen und Cabelman im Besonderen scheinen für Antisemiten aller Couleur eine strategische Alibifunktion zu erfüllen, um den Staat Israel delegitimieren zu können ohne sich durch diese »jüdischen Kronzeugen« allzu offensichtlich als Antisemiten zu entlarven. Auf Querfront-Seiten wie Stephan Steins »Roter Fahne« (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen KPD-Zeitung) ist Cabelman ein beliebter Gastautor und auch auf Jürgen Meyers Querfront-Blog »Internetz Zeitung« wird er gerne herangezogen. Dass Cabelman als Jude dem Staat Israel die Existenzberechtigung abspricht, dürfte wohl der einzige Grund sein, wieso er in diesen pseudolinken Kreisen sehr beliebt ist. Was Cabelman nämlich ansonsten von Kommunismus oder Homosexualität hält, durfte man erneut bei seiner Rede auf dem al-Quds-Tag in Berlin erleben. Dort sagte er: »Der Kommunismus ist im Ganzen immer nichts anderes gewesen als total antisemitisch und judenfeindlich! […] Die bunte Regenbogenfahne die dort gehalten wird, ist direkt gegen das jüdische Volk, die Tora und gegen alles was dem jüdischen Volk heilig ist gerichtet. […] Die Tora verbietet die Legalisierung von Homosexualität«. Die Website JewWiki kritisiert des Weiteren Cabelmans Kontakte zum rechtsextremen Publizisten Manuel Ochsenreiter. Auch das »Palästina Portal« distanziert sich scharf von ihm.

Siehe zum Thema Neturei Karta auch:

http://eisberg.blogsport.de/2007/04/27/neturei-karta-der-antisemiten-liebste-juden/

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37954/antizionistischer-antisemitismus

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/6922

Susan Bonath: »Wer Zionismus mit Judentum gleichsetzt, ist in meinen Augen ein rechter Tatsachenverdreher.«

Das Judentum ist eine Religion und der Zionismus ist eine politische Ideologie. Bonath hat natürlich mit der Aussage recht, dass nicht alle Juden Zionisten sind und demzufolge auch nicht alle Zionisten Juden. Allerdings zielt der Zionismus auf die Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung eines jüdischen Nationalstaats und ist somit eben nicht vom Judentum losgelöst. Um es mit Gregor Gysi zu sagen: »Die gescheiterte politische Emanzipation der Jüdinnen und Juden in den europäischen Nationalstaaten und insbesondere der Holocaust haben das Projekt der Gründung eines jüdischen Nationalstaats zwingend erforderlich gemacht. Nach tausenden Jahren Ausgrenzung, Pogromen und dann der nationalsozialistischen Barbarei, das heißt der Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden, den Überlebenden des Holocaust zu empfehlen, nun doch auf die Emanzipation in anderen Nationalstaaten zu setzen, wäre wohl deutlich zu viel verlangt gewesen. Und so stellte sich das jüdische Nationalstaatsprojekt als alternativlos dar. Daraus resultiert auch die stabile Verantwortung für Israel. Alle modernen Nationen haben irgendwo einen antisemitischen Schandfleck in ihrer Geschichte. Aber der von den Deutschen durchgeführte Holocaust ist singulär. Die Grundannahme des Zionismus, wenn die Jüdinnen und Juden eine Staatsmacht haben wollen, die sie auch wirklich schützen soll, dann nur in ihrem eigenen Staat, ist nach dieser historischen Entwicklung kaum noch ernsthaft bestreitbar. Antizionismus kann für die Linke insgesamt, für die Partei DIE LINKE im Besonderen, keine vertretbare Position sein. Die Solidarität mit Israel sollte zugleich immer auch eine kritische sein.«

Susan Bonath: »Wenn sie sich mit Geschichte befasst hätten und nicht nur den Fraß schlucken würden, den ihnen diverse Welterklärer vorwerfen, wären sie auf eindeutige Fakten gestoßen, dass Zionisten sehr, sehr lange mit Hitler zusammengearbeitet haben. Und zwar verfolgten diese Zionisten keineswegs damit das Ziel, alle Juden zu schützen. Vielmehr ging es ihnen um den Staat Israel. Genau deshalb unterstützten zionistische Gruppen die Nazis recht offen. Sie brachten fast ausschließlich ihre Anhänger aus Deutschland nach Palästina, aber nicht gläubige Juden, die Zionismus ablehnten. Es gibt Nachweise, dass sich Vertreter der Zionisten aus dem späteren Israel noch 1942 mit Hitlers Nazi-Mannschaft getroffen hatten.«

Richtig ist, dass die Zionistische Vereinigung für Deutschland mit dem nationalsozialistischem Regime das sog. Ha’avara-Abkommen ausgehandelt hat. Die Nationalsozialisten haben zahlungskräftigen Juden eine Ausreise nach Palästina gestattet. Die deutsche Seite erhoffte sich dadurch »den deutschen Export zu fördern, insbesondere den damals befürchteten internationalen Handelsboykott zu durchbrechen«. Selektiert wer das Ha’avara-Abkommen in Anspruch nehmen durfte haben also die Nazis und keineswegs – wie Frau Bonath behauptet – die zionistische Seite.

Aber kann man deswegen sagen, dass die Zionisten mit den Nazis kollaboriert haben? Alexander Schölsch, Professor für Politikwissenschaft und Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Erlangen, schrieb dazu: »Jede Kritik an der Zusammenarbeit von Zionisten mit nationalsozialistischen Stellen im Rahmen des Haavara-Abkommens (und diese Kooperation war sowohl innerhalb der zionistischen Bewegung als auch innterhalb der jüdischen Gemeinschaften Europas und Amerikas heftig umstritten) kann an dem Grundtatbestand nicht vorbeigehen, dass es eine Aktion war, die bedrängten deutschen Juden eine Emigrationsmöglichkeit in einer Zeit schuf, als ihnen die Tore Westeuropas und Amerikas keineswegs offenstanden. Verfolgten die Zionisten dabei sinistre Ziele? Sie hätten sich selbst und ihre Ideologie verleugnen müssen, wenn sie nicht die Gelegenheit genutzt und möglichst viele Auswanderer nach Palästina geleitet hätten. Verkörperte der Zionismus eine verwerfliche Idee, dann war alles verwerflich, was seine Repräsentanten taten. Das Haavara-Abkommen als solches stellt die Zionisten aber nicht bloß. Die Beschuldigung, mit dem Abkommen seien „die Interessen der jüdischen Massen in Europa den politischen Ambitionen der Zionisten [geopfert worden]“, wäre nur dann zutreffend, wenn diese Abkommen die Emigration von Juden in andere Länder behindert oder die Situation der Juden in Deutschland verschlimmert hätte. Es waren doch nicht die Zionisten, denen es endlich gelang, die deutschen Juden von der Notwendigkeit der Emigration zu überzeugen, sondern es waren die Nazis, die sie zu dieser „Einsicht“ zwangen. Nicht die Zionisten haben das nationalsozialistische Regime zu dem Entschluss gebracht, die Emigration zu forcieren; vielmehr bedienten sich die Nazis der Zionisten. Diese versuchten, die Emigration in der für sie günstigsten Weise zu gestalten – die gleichzeitig den Interessen der nationalsozialistischen Stellen entsprach. Wenn behauptet wird, „das Zögern der deutschen Juden, sich auf Geheiß des Zionismus zu entwurzeln, musste durch Überredung überwunden werden, die die Nazis gerne zu leisten bereit waren“, so ist dies eine bösartige Verkehrung von Ursache und Wirkung, die einer Entschuldigung der nationalsozialistischen Judenverfolgung gleichkommt, indem sie die Zionisten zu Initiatoren dieser „Entwurzelungspolitik“ stempelt.«

Die Rote Ruhr Uni schreibt dazu ergänzend: »Auch in der Vergangenheit suchte sich das aggressive Bedürfnis nach Exkulpation zu befriedigen. So werden das Ha’avara-Abkommen, das 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland abgeschlossen wurde und gegen den Export deutscher Waren nach Palästina bis 1939 60.000 Juden die Ausreise ermöglichte, sowie Kontakte einiger rechtsextremer Zionisten zur SS (als diese noch die Auswanderung der Juden betrieb) dazu benutzt, ein „Komplott“, eine „Kollaboration“, eine „verbrecherische Allianz des Zionismus und des Nazismus“ zu erfinden. Da scheint die Haganah fast zum Verursacher der NS-Judenpolitik zu werden, habe sie doch versucht, „die Mithilfe der SS bei der Beschleunigung der Austreibung der Juden zu gewinnen“. Erst entzogen sich die Zionisten schon durch feige Flucht der Verpflichtung, anstelle der versagenden deutschen Arbeiterbewegung den NS zu stürzen, dann brachten sie noch mit dem Ha’avara-Abkommen „jeglichen Versuch eines wirtschaftlichen Boykotts des Nazireichs zum Scheitern“! Selbst sind sie schuld, die Juden-Zionisten, hat doch „ihre Konspiration mit den Nazis … dazu beigetragen, das Nazi-Regime zu stärken und die Front des antifaschistischen Kampfes … zu schwächen“, hielten sie doch „den Faschismus im Sinne ihrer Pläne für wünschenswert …, der den Juden den Tod brachte“, womit die Zionisten „den Tod von vielen Tausenden von Juden durch Hitler auf dem Gewissen haben“. Die von den Antizionisten betriebene Verschiebung des NS nach Israel, die Rede von einer „ideologischen Verwandtschaft zwischen dem Antisemitismus des NS-Faschismus und dem Zionismus“ bis hin zur obszönen Behauptung einer Mitschuld an der Vernichtung, leistet eine derart unverfrorene Verdrängung des NS, Exkulpation der deutschen Nation und Restituierung deutschen Nationalgefühls wie sie selbst Nolte et. al. weit von sich weisen würden: an jenem Staat, der allein durch seine Existenz die Erinnerung an Auschwitz nicht vergehen läßt und so dem Bedürfnis nach deutschem Nationalgefühl im Wege steht. „So sind sie uns perverserweise ähnlich geworden“ stellen mit der späten Geburt begnadete deutsche Antizionisten fest, und die solch scheinheiligem Entsetzen stets auf den Fuß folgende Entdeckung der Palästinenser als die „Juden der Juden“ bedeutet in seiner Konsequenz nicht nur Entschuldung, sondern Aufruf zu neuerlicher Gewalt – die Juden sollen nämlich bloß nicht glauben, „als hätten sie durch unsere Taten eine Art Mordbonus erhalten“. „Angesichts der zionistischen Greueltaten verblassen … die Nazigreuel“ stellte der Grüne Kalender 1983 befriedigt fest und rief nicht nur dazu auf: „Kauft nicht bei Juden“, sondern fragte erwartungsvoll, „wann den Juden endlich ein Denkzettel verpaßt wird“.«

Susan Bonath: »Herzl ist, falls sie es nicht wissen, Mitorganisator des ersten zionistischen Weltkongresses und Mitbegründer zionistischer Organisatinen. Er spricht bereits zu diesem Zeitpunkt im damals in Deutschland immer stärker gängigen Faschistenjargon. Er erwähnt bspw. „die Lösung der Judenfrage“ immer wieder. Er lobt den deutschen Nationalismus und nennt Juden „eine eigene Rasse“, der ein eigenes Land zu gehören habe. Er spricht sich für „rassische Trennung der Völker“ als „natürliche Ordnung“ aus. Und wohlgemerkt: Um heute Zionist zu sein, müssen sie kein Jude sein.«

Eine bekannte Schrift von Karl Marx heißt ebenfalls »Zur Judenfrage«. Weder Marx noch Herzl und ihre Zeitgenossen konnten die nationalsozialistische Terminologie und das wahre Potential des mörderischen Antisemitismus vorausahnen. Wenn wir heutzutage Begriffe wie »Volkstum«, »Gleichschaltung« oder »Entartung« hören, dann haben wir ob der Erfahrungen des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs eine andere Einstellung zu solch einer Terminologie als es beispielsweise im 19. Jahrhundert der Fall war. So verhält es sich auch mit dem Begriff »Rasse«. »Der Rassebegriff avancierte insbesondere im 19. Jahrhundert zu einer anpassungsfähigen und flexiblen Ordnungskategorie fast beliebiger sozialer und kultureller Entitäten, keineswegs nur im biologistischen Sinne«.¹ »In der Anthropologie wurde Rasse vom späten 17. Jahrhundert bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts als Bezeichnung zur Klassifizierung von Menschen verwendet, seit dem 19. Jahrhundert vielfach synonym mit Volk«.² »Rasse« bringt man heutzutage vor allem mit rassistischen und sozialdarwinistischen Ideologien in Verbindung. Des Weiteren weiß die moderne Wissenschaft, dass die anthropogenen Rassentheorien nicht haltbar sind. Daher gilt diese Terminologie inzwischen auch zurecht als verpönt und unwissenschaftlich. Zu Herzls Zeiten wurde der Begriff »Rasse« allerdings oftmals noch synonym für »Volk« verwendet. Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass sich der Begriff »Volk« in Hinblick auf das Judentum primär traditionell³ und theologisch³ begründet.

Susan Bonath: »Wer auch heute noch meint, ein rein jüdischer Staat sei die einzige Lösung (zu Nazideutsch: Endlösung) für Juden und wer Juden als eigene „Rasse“ definiert, ist ebenfalls ein rechter Demagoge.«

Ein allgemeines Wort zu NS-Vergleichen: Analogien, welche die Politik Israels mit dem Massenmord an den europäischen Juden gleichsetzen, dienen zum einen einer Schuldabwehr- und Entlastungargumentation und zum anderen findet – ob beabsichtigt oder nicht – eine de-realisierende Relativierung des Holocaust statt.

Aber zurück zu den inhaltlichen Fakten. Israel versteht sich von seinem Selbstverständnis her als jüdischer Staat. Allerdings als »jüdischer Staat« im Sinne einer Heimstätte für alle Juden und nicht im Sinne einer religiös oder gar ethnisch homogenen Bevölkerungsstruktur. 20,7 % der israelischen Bevölkerung sind Araber, mehrheitlich sunnitische Muslime. Andere Minderheiten sind Bahai, Alawiten, Ahmadi, Samaritaner und Tscherkessen. Arabisch ist neben Neuhebräisch die zweite offizielle Sprache des Landes und arabische Israelis sind dem Gesetz nach gleichberechtigt. Allerdings muss man dazu sagen, dass auch viele offizielle israelische Quellen belegen, dass Araber in Israel in vielen Bereichen des Lebens diskriminiert werden. Die Diskriminierung israelischer Araber mahnt Frau Bonath zwar zurecht an, entlarvt sich allerdings durch ihre Halbwahrheiten und absurden Holocaust-Analogien.

Warum sind derartige NS-Analogien problematisch? Die Antisemitismuforscherin Monika Schwarz-Friesel dazu: »Um das einseitige Aggressorbild Israels aufrechterhalten zu können, werden Referenzialisierungen konstruiert, die auf Falschaussagen basieren. Die Verfälschung von Fakten erfolgt durch Umkehrung, Auslassung oder Relativierung von Sachverhaltsinformationen. Auf diese Weise erzeugen die sprachlinchen Strukturen ein Feindbild Israel, das zwar mit der Realität nicht kompatibel ist, dafür aber exakt das repräsentiert, was dem judeophoben Weltbild entspricht und das damit genau die ihm zugewiesene Funktion erfüllt. […] Um das Ausmaß israelischer Gewalt verbal höchstmöglich zu potenzieren, werden mit NS-Vergleichen irreale Kontrastierungen etabliert. Sie konstituierten absolute Täter-Opfer-Oppositionen. […] Juden erscheinen so (in der Täter-Opfer-Umkehr) als Tätervolk. Neben ihrer diskreditierenden Funktion dienen diese unangemessenen Vergleiche stets auch der Schuldabrechnung.«

Siehe zu diesem Themenbereich auch:

Israelbezogener Antisemitismus

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/israel-kritik-versus-anti-israelismus/

Zur Logik des deutschen Antizionismus

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zur-Logik-des-deutschen.html

Das Dritte Reich, die zionistische Bewegung und der Palästina Konflikt

http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1982_4_3_schoelch.pdf

Antizionistischer Antisemitismus

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37954/antizionistischer-antisemitismus

Was heißt Antisemitismus?

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/antisemitismus

http://www.antisemitismus.net/theorie/glossar.htm

Robert Kurz: Krieg gegen die Juden – Warum sich die globale Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=395

BonathFinanz

Susan Bonath: »Und wenn einer das Finanzkapital anprangert, bedeutet das noch lange nicht, dass er dahinter „Juden“ wittert.«

Da hat Susan Bonath natürlich recht. Allerdings behauptet auch niemand, dass jemand ein/e Antisemit/in sei, nur weil er oder sie das Finanzkapital anprangert. Es ist eher so, dass eine verkürzte Kapitalismuskritik für antisemitische Deutungsmuster anschlussfähig ist. »Moderner Antisemitismus ist mehr als ein politisch-programmatisches Phänomen, er ist ein Denkmuster, das unsere komplex erscheinende Welt auf eine Personifizierung gesellschaftlicher Entwicklungen reduziert. Gesellschaftliche Massenphänomene werden auf die Initiative einzelner verkleinert. „Der Antisemitismus […] tritt als scheinsäkulare Form auf und dient als Welt- und Realitätsdeutung. Gerade auch für die Linke tut sich hier eine Falle auf: Der Antisemitismus als Alltagsreligion bedient sich auch und vor allem der Sozialkritik. Aber eine Sozialkritik, die sich auf die Sphäre der Zirkulation […] beschränkt. Die Sphäre der Produktion, dort wo der wirkliche Raub […], die tatsächliche Plünderung erfolgt, wird notwendig ignoriert. Das Ressentiment gegen in Erscheinung tretenden Reichtum wird mit Sozialkritik verwechselt.“«

Andreas Exner über die politische Ökonomie des Antisemitismus:

»Der moderne, rassistische Antisemitismus ist untrennbar mit bestimmten politisch-ökonomischen Vorstellungen, einer „politischen Ökonomie des Antisemitismus“ (Robert Kurz), verbunden. Diese Vorstellungen lassen sich in drei Gedankenschritte zerlegen, die hier aus Platzgründen nicht systematisch entwickelt, sondern nur sehr verkürzt und stark vereinfacht dargestellt werden (vgl. dazu Trenkle, dieser Band sowie insbesondere Postone 1982). An erster Stelle wird das kapitalistische System in eine scheinbar konkrete und eine abstrakte Seite aufgespalten. Arbeit, Staat und Realkapital (Fabriken, Maschinen, Infrastruktur) gelten dabei als natürliche, ewige und konkrete Kategorien, die die abstrakten „Mächte“ von Geld bzw. Zins auf „unnatürliche“ Weise überformen und beherrschen. Diese Aufspaltung knüpft an die Struktur kapitalistischer Basiskategorien an, die eine widersprüchliche Einheit von Konkretem (z.B. konkreter Nutzen einer Ware) und Abstraktem (z.B. abstrakter Tauschwert/Wert einer Ware) darstellen. Tatsächlich ist sie aber falsch, weil erstens auch die scheinbar konkrete Seite abstrakten Charakter trägt (so abstrahiert z.B. der „konkrete Nutzen“ einer einzelnen Ware von den sozialen Rahmenbedingungen seiner Verwirklichung – ein Auto etwa, das im Stau steht, hat seinen „konkreten Nutzen“ eingebüßt), und zweitens der Zusammenhang der konkret erscheinenden und der abstrakten Seite ausgeblendet wird.

Auf diese Weise wird unter anderem die innere Beziehung zwischen Geld und Zins gekappt und der Zins erscheint als Wurzel aller im Geld angelegten Zwänge. So schreibt der NS-Partei-Ideologe Gottfried Feder über das „Leihkapital“, dass es „entgegen allen sonstigen irdischen Erfahrungen, ohne Mühe und Arbeit durch Zins, Dividende und Rente aus sich selbst gewissermaßen wächst“. Deshalb bliebe „den Werk schaffenden in Werkstatt, Fabrik und Kontor nur karger Lohn“ und „jeder Gewinn der Arbeit“ fließe „in die Taschen der anonymen Geldmacht als Zins und Dividende“. (Feder 1927; zit. n. Schatz, Woeldike 2001, S. 88 f.). Unter kapitalistischen Bedingungen, in denen soziale Beziehungen in der Form der Beziehung Ware-Geld (Kauf und Verkauf) erscheinen, erhält das Geld, das in vormodernen Gesellschaften eine untergeordnete Rolle spielte, tatsächlich eine besondere Bedeutung. Mit der Durchsetzung des Systems der Warenproduktion wird es nicht nur allgemeines soziales „Bindemittel“, das den Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum regelt, sondern auch potenzielles Kapital, das die Ausbeutung von Arbeitskraft im Prozess der Waren produktion ermöglicht. Der Zins ist damit nicht mehr „Wucher“, der nur vom Vermögensbestand der Schuldner zehren kann, sondern vielmehr der Preis von Geld als potenziellem Kapital. Die Aufnahme von Kredit dient unter diesen Verhältnissen nicht mehr allein der Bereicherung der Gläubiger, sondern auch der Bereicherung der Schuldner, sofern sie Geld in kapitalistischem Sinne produktiv verwenden. Denn mittels Kredit kann die einzelbetriebliche Basis der Profitproduktion – über das Eigenkapital hinaus – erweitert werden. Letztlich erzwingt das auch die Konkurrenz. „Geld ohne Zins“ ist also nicht zu haben, ein wesentliches Element der politischen Ökonomie des Antisemitismus geht an der Realität von Kapital und Markt vorbei (vgl. dazu Exner, Grohmann 2005).

Ebenso abstrakt-modern wie die Verwertung von Rohstoffen und Produktionsmitteln in Form des Kapitals ist die Kategorie der Arbeit. Das zeigt schon ihr Begriff. Arbeit meint die von jeder konkreten Bestimmung – etwa „Tischlern“, „Texte schreiben“, „Autoteile montieren“ usw. – abgelöste und damit abstrakte Form einer „Verausgabung von Lebensenergie“; diese Tätigkeitsform wird erst mit dem ihr übergeordneten abstrakten Selbstzweck der Profitproduktion dominant. Vergleichbares gilt für den Staat. Der Nationalstaat als unpersönlicher „Souverän“ abstrakt-gleicher Rechtssubjekte ist ein Produkt der Moderne, die vermeintlich homogene und naturgewachsene „Nation“ eine historisch gewaltsam durchgesetzte Abstraktion.

Wenn daher die „politische Ökonomie des Antisemitismus“ in einem zweiten Schritt die scheinkonkrete Seite des kapitalistischen Systems als vermeintlich positives Prinzip feiert, wohingegen die offenkundig abstrakte Seite als die „natürliche Gemeinschaft“ „zersetzend“, „parasitär“ denunziert wird, dann ist das in jeder Hinsicht Ideologie. Dazu gehört zentral, das „internationale, parasitäre Geldkapital“ im Namen von Nation, Arbeit und „produktivem Kapital“ moralisch an zuklagen. Drittens wird die offenkundig abstrakte Seite des Kapitalismus personalisiert und im Antisemitismus auf das Handeln von „Juden“ und „Jüdinnen“ zurückgeführt. Der Antisemitismus ist damit die einzige Form von Rassismus, in der die zentralen Prinzipien und Eigenschaften der kapitalistischen Gesellschaft – Anhäufung abstrakten Reichtums, Konkurrenz, „Intransparenz“ der gesellschaftlichen Prozesse und die Verheerungen, die das alles anrichtet – einer (wohlgemerkt: rassistisch) bestimmten Menschengruppe angelastet und so in ein phantasiertes Außen projiziert werden (Heinrich 2004). Daher rühren sowohl die Resistenz des Antisemitismus als auch seine vernichtende Gewalt in kapitalistischen Krisensituationen.
Keinesfalls sind alle Vertreter und Vertreterinnen der politischen Ökonomie des Antisemitismus nun antisemitisch. Umgekehrt gilt aber, dass alle Antisemitinnen und Antisemiten eben diese politisch ökonomischen Auffassungen vertreten. In diesem Überschneidungsbereich kommt es zur Wechselwirkung zwischen linker Globalisierungskritik und rechtsextremer Ideologie.«
 .

Siehe zu diesem Thema auch

Die politische Ökonomie des Antisemitismus .

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=18 .

Die Nebelgranaten der FED-Kritiker .

https://www.sozialismus.info/2014/07/die-nebelgranaten-der-fed-kritikerinnen/

Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik

http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

Elmar Altvater: Eine andere Welt mit welchem Geld?

http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/altvater/altvater.pdf

„Schaffendes“ und „raffendes“ Kapital – Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus

http://www.trend.infopartisan.net/trd0504/t160504.html

Blinde Flecken der Kapitalismuskritik – Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung

http://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf

Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt – Finanzjudentum und Westmächte

http://www.hagalil.com/archiv/2006/03/finanzjuden.htm

Quellennachweise .

¹ http://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

² http://de.wikipedia.org/wiki/Rassentheorie

³ http://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/7408

³ http://www.judentum-projekt.de/religion/religioesegrundlagen/auserwaehlt/

Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

http://www.anarchismus.de/libertaere-tage/lt1993/lt93doku/ags/ag6.htm

http://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf

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5 Kommentare

  1. „Die größte antizionistisch-ultraorthodoxe Glaubensgemeinschaft ist Neturei Karta mit weltweit 5000 – 8000 Anhängern.“

    Das ist nicht korrekt: Die größte antizionistisch-ultra-orthodoxe Gruppe sind die Satmarer Chassidim – und die haben weltweit rund 150 000 Anhänger. Außerdem machen orthodoxe Juden nicht zehn Prozent der israelischen Bevölkerung aus, sondern etwa 25 Prozent – die national-religiösen Juden (die einen großen Teil der Siedler in der Westbank stellen) SIND orthodox.

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  2. Liebe Leute,

    eine tolle Seite betreibt Ihr. Vielen Dank für die Mühen im Kampf gegen Wahnmacher und sonstige Antisemiten! Kleine Kritik allerdings an der Verwendung des Begriffs „verkürzte Kapitalismuskritik“. Der ist tatsächlich lange sehr prominent im von Euch verwendeten Sinne gewesen, in den letzten Jahren aber in Frage gestellt worden. M.E. zurecht: Er impliziert, man müsse den Gedanken nur ein wenig verlängern, um bei einer zutreffenden Kapitalismuskritik anzukommen. Das ist aber falsch: Die vermeintlich verkürzte Kritik ist nicht verkürzt, sondern grundfalsch.

    Beste Grüße
    vom kleinen Antideutschen

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  3. Pingback: Pedram Shahyar und die »Bourgeoisie von Auschwitz« | GenFM-Blog

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