Die Rothschilds, die FED und die jüdische Hochfinanz

Ist Kritik an der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild oder der US-amerikanischen Notenbank FED eigentlich per se antisemitisch? Dieses Argument hört man häuftig sobald man auf antisemitische Argumentationen aufmerksam macht. Aber ist dieser Vorwurf berechtigt oder handelt es sich nicht viel mehr um ein Strohmann-Argument? Sicherlich, die Rothschilds waren einst die Bankiers der Fürsten und Fürsten unter den Bankiers. Siehe hierzu auch den sehenswerten zweiten Teil der Dokumentarfilmreihe Der Aufstieg des Geldes von Niall Ferguson.

Allerdings wird die Rothschildfamilie auch »seit dem Beginn ihres großen Einflusses auf die europäische Wirtschaftsgeschichte mit Karikaturen und polemischen Schriften bedacht. Auch Hetzkampagnen traten auf und Verschwörungstheorien, die sich häufig durch einen verdeckten Antisemitismus kennzeichnen. Der Name Rothschild wird häufig als Symbol für den Zionismus, und um die angebliche Allmacht des Weltjudentums über das internationale Finanzwesen anzudeuten verwendet.« Natürlich wurden die Rothschilds auch in der nationalsozialistischen Propaganda gerne als Personifizierung des »Weltjudentums« dargestellt. In unzähligen antisemitischen Pamphleten wurden die Rothschilds als die Verkörperung der vermeintlich allmächtigen und raffgieriegen »jüdischen Hochfinanz« diffamiert. Siehe dazu beispielsweise den NS-Propagandafilm Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo.

»Verschwörungstheorien, in denen der Familie Rothschild eine Rolle zugesprochen wird, gibt es bis heute. In unterschiedlichen Versionen existiert die Theorie, die Rothschilds leiteten oder beteiligten sich an einer entweder jüdischen, freimaurerischen, illuminatischen oder außerirdischen Verschwörung, häufig mit den in diesem Umfeld üblichen Ähnlichkeiten oder unkritischen Bezugnahmen auf die längst als Fälschung entlarvten Protokolle der Weisen von Zion. Ebenfalls als Quelle für derartige Theorien werden die allgemein nicht als authentisch angesehenen so genannten Rakowski-Protokolle genannt.«

Aber ist an diesen Behauptungen überhaupt etwas dran? Zählen die Rothschilds heute noch wie einst im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten und wichtigsten Finanziers europäischer Staaten? In der Tat ist das einstmals so mächtige Bankimperium der Rothschilds heute nur noch ein Zwerg gegenüber den großen internationalen Finanzkonzernen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Initialen R.F. (Rothschild Freres = Gebrüder Rotschild) mit R.F. (Republique Francaise) gleichgesetzt wurden. Die nachfolgende Generation der Rothschilds ist durch eine Reihe finanzieller Misserfolge in Verruf geraten. Die Rothschild-Beteiligungen der Erben beschränken sich nur noch auf Weinberge, Kunstschätze, Rennpferde, Paläste und Schlösser. Hierzu muss man nur mal die diversen Rankings der weltweit mächtigsten Banken und Unternehmen googlen, auf denen die Rothschilds längst nicht mehr vorhanden sind.
Obwohl der Stern der Rothschilds also schon lange verblasst ist, erliegen offnsichtlich heute noch viele dem Mythos von der geheimen Macht einer jüdischen Hochfinanz.

Ähnlich verhält es sich mit den Verschwörungstheorien um die FED als den Motor allen Übels der Welt. »Über die US-amerikanische Notenbank kursieren zahllose abstruse Erzählungen. Als private Bank von der jüdischen Familie Rothschild beherrscht, sorge sie für sagenhaften Reichtum der Besitzer sowie ständige Abhängigkeit der Schuldner. Alle Kriege weltweit würden im Interesse der Bank und ihrer Besitzer geführt. Wer die Geschäfte der Notenbank bedroht, werde getötet.« Derartige Äußerungen hört man nicht nur von bekennenden Antisemiten, sondern unter anderem beispielsweise häufig auch von Protagonisten der sogenannten neuen Montagsmahnwachen, die unermüdlich jeglichen Antisemitismusvorwurf weit von sich weisen. Beispielhaft sei hier auf diverse Äußerungen von Lars Mährholz, Rüdiger Lenz oder Ken Jebsen verwiesen. Nicht zufällig verweisen dieselben Gestalten auch immer wieder auf die vermeintliche Allmacht der Rothschilds. Siehe hierzu auch einen lesenswerten Beitrag von Friedensdemo-Watch.

Screenshot eines inzwischen gelöschten Eintrags auf dem Blog von Lars Mährholz. Bild-Quelle: Friedensdemo-Watch.

Screenshots von Lars Mährholz‘ Facebook-Postings. Bild-Quelle: GenFM.

Facebook-Posting von Rüdiger Lenz. Bild-Quelle: GenFM.

Ken Jebsen gibt der FED gar die Schuld am Untergang der Titanic.

Derartige krude Verschwörungstheorien finden sich bedauerlicherweise nicht nur bei einschlägigen Verschwörungstheoretikern wie Mährholz oder Jebsen, sondern werden auch von Politikern wie der FPÖ-Abgeordnetin Dr. Susanne Winter oder der SPD-Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle vertreten.

Facebook-Posting der FPÖ-Politikerin Susanne Winter. Quelle: GenFM.

Facebook-Posting der SPD-Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle. Quelle: Friedensdemo-Watch.

Auch Xavier Naidoo ist Anhänger derartiger Verschwörungstheorien. Neben seinem berüchtigten Auftritt bei einer Veranstaltung von Anhängern der sogenannten Reichsbürgerbewegung wettert der Mannheimer Soulsänger in einem Lied über die jüdische Bankiersfamilie Rothschild:

»Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse und steht bepisst in euren Socken. Baron Totschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.«

In diesem Zusammenhang sei auch noch auf das sehr empfehlenswerte YouTube-Video »Gegen die Mythen – Ursprung und Geschichte des Federal Reserve Systems« verwiesen.

Selbstverständlich muss man auch die US-Notenbank FED oder die Rothschild Bank kritisieren können. Es gibt kaum jemanden der ernsthaft behauptet, dass sachliche und fundierte Kritik etwas mit Antisemitismus zu tun hätte. Allerdings sollte man dabei nicht in die Falle der antisemitischen Hetzer tappen, den systemcharakter des Kapitalismus verkennen und behaupten, dass der Kapitalismus lediglich ein Instrument einer kleinen jüdischen Clique sei, um die ganze Menschheit oder bestimmte Völker zu knechten. Siehe hierzu auch den lesenswerten Artikel Die Nebelgranaten der Fed-KritikerInnen.

Siehe zu diesem Thema auch:

Lars Mährholz und die Rothschilds

https://genfmblog.wordpress.com/2014/09/15/lars-mahrholz-und-die-rothschilds/

Der Antisemitismus der Mahnwachen-Protagonisten

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/der-antisemitismus-der-mahnwachen-protagonisten/

Antiamerikanismus als geschichtsrevisionistische Entlastungsargumentation

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/antiamerikanismus-als-geschichtsrevisionistische-entlastungsargumentation/

Gegen Kapitalismus & Krise. Zinskritik als Allheilmittel?

Beitrag von Radio Helsinki über die Veranstaltung der Jungen Grünen Steiermark am 29.11. in Graz. Eine kritische Auseinandersetzung mit verkürzter und rechter Kapitalismuskritik. Diskussion mit Peter Bierl und Heribert Schiedel, moderiert von Evelyn Schalk.

Die politische Ökonomie des Antisemitismus

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=18

Die Nebelgranaten der FED-Kritiker

https://www.sozialismus.info/2014/07/die-nebelgranaten-der-fed-kritikerinnen/

Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik

http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

Elmar Altvater: Eine andere Welt mit welchem Geld?

http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/altvater/altvater.pdf

“Schaffendes” und “raffendes” Kapital – Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus

http://www.trend.infopartisan.net/trd0504/t160504.html

Blinde Flecken der Kapitalismuskritik – Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung

http://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf

Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt – Finanzjudentum und Westmächte

http://www.hagalil.com/archiv/2006/03/finanzjuden.htm

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1 Kommentar

  1. „In der Tat ist das einstmals so mächtige Bankimperium der Rothschilds heute nur noch ein Zwerg gegenüber den großen internationalen Finanzkonzernen. […] Die nachfolgende Generation der Rothschilds ist durch eine Reihe finanzieller Misserfolge in Verruf geraten. […] Hierzu muss man nur mal die diversen Rankings der weltweit mächtigsten Banken und Unternehmen googlen, auf denen die Rothschilds längst nicht mehr vorhanden sind.“

    Eine Quelle dazu, wie weit unten die Rothschilds auf den weltweiten Ränken stehen, wäre als Argument sehr Hilfreich, um Verschwörungsgelaber zu widerlegen.

    Und eine über die finanziellen Misserfolge wäre auch interessant.

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