Stephan Bartunek und die »Antisemitismuskeule«

Stephan Bartunek (Mahnwache Wien) baut sich mal wieder ein paar argumentative Pappkameraden auf, auf die er nach bester Gish-Galopp-Manier genüsslich einprügelt. Laut Bartunek sind Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, offensichtlich automatisch Rassisten, islamfeindlich und dazu noch bedingungslose Befürworter der Politik der israelischen Regierung.

Bartiboy4

Jeder Mensch sollte bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit seine Stimme erheben und das ganz unabhängig davon, um welche Gruppe es sich dabei handelt. Studien haben gezeigt, dass verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit miteinander korrelieren. Empirisch ist es sehr selten, dass jemand nur antisemitisch ist und ansonsten sehr tolerant, sondern im Durchschnitt haben Menschen mit antisemitischen Einstellungen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch fremdenfeindliche Einstellungen und werten interessanterweise auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Muslime, Frauen, homosexuelle Menschen etc. ab. Siehe zu diesem Thema auch den sehr empfehlenswerten Vortrag von Beate Küpper.

Wer sich mit Flüchtlingen solidarisch zeigt, dem kann natürlich auch nicht die israelische Flüchtlingspolitik egal sein. Allerdings engagiert man sich als Deutscher oder Europäer natürlich in erster Linie gegen die skandalöse Flüchtlingspolitik der eigenen Regierung. Doch für Bartunek und Konsorten scheint »Israel-Kritik« und der Kampf gegen vermeintlich »antideutsche Umtriebe« zu einem ihrer leidenschaftlichsten Hobbys geworden zu sein.

Wahrscheinlich möchte Bartunek mal wieder implizieren, dass es sich bei Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, ausschließlich um sog. »Antideutsche« handeln würde (siehe dazu auch hier, hier und hier). Natürlich gibt es Menschen, die sich der aus der radikalen Linken hervorgegangenen antideutschen Strömung zuschreiben. Mittlerweile wird der Begriff »antideutsch« allerdings als despektierliche Fremdzuschreibung  für jeden verwendet, der sich kritisch mit Antisemitismus und Verschwörungsideologien auseinandersetzt. »Das Feindbild „Antideutsche“ richtet sich […] gegen vermeintliche vaterlandslose Gesellen, Kriegstreiber im Dienst fremder Mächte, Chaoten und Unruhestifter sowie Handlanger jüdischer Vorherrschaft: lauter klassische antisemitische Klischees«. Siehe hierzu auch den lesenswerten Artikel Was heißt „antideutsch“?.

Außerdem scheint Bartunek die Meinung zu vertreten, dass »Weißdeutsche« [sic] kein Recht hätten, Antisemitismus anzuklagen bzw. Antisemiten zu kritisieren. Ähnlich hat sich auch Pedram Shahyar in seinem Video an das Zentrum für Politische Schönheit geäußert. Dieses Argument ist so sinnlos wie geschichtsvergessen. Denn es sind gerade die grauenhaften Lehren der NS-Barbarei, die uns heute dazu ermahnen, antisemitisches Gedankengut aktiv zu bekämpfen.

Bartunek spielt des Weiteren permanent darauf an, dass man Israel angeblich nicht kritisieren könne ohne als Antisemit bezeichnet zu werden. Stefan Bentele Blanco (Autor beim Wichtel-Blog Spülgel an der Lein) sieht das natürlich genauso. Lustigerweise scheinen diese Leute in ihrer selektiven Wahrnehmung überhaupt nicht zu realisieren, dass sie sich durch den Verweis auf die pöhsen Mainstreammedien selbst ad absurdum führen. Ein israelkritischer Beitrag der »Lügenpresse« soll die vermeintliche Tatsache bekräftigen, dass man in Deutschland nicht Israel kritisieren dürfe ohne als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Finde den Fehler!

Dazu ein Zitat der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel aus ihrem Buch Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert:

»In diesem Zusammenhang ergeben sich zwei Fragen, die seit einigen Jahren fast turnusmäßig immer wieder (auch in den Massenmedien, die hier zum Teil in Bezug auf kritische Reflexion und Aufklärungsfunktion versagen) aufs Neue gestellt werden: erstens, ob Kritik an Israel bzw. israelischer Politik prinzipiell und per se als judenfeindlich oder zumindest brisant eingestuft werden muss, und zweitens, wann eine israel-kritische Äußerung in Wahrheit nur eine verschleierte Form von Antisemitismus ist. Die erste, im öffentlichen Diskussionsraum bereits unzählige Male gestellte Frage, die eigentlich völlig überflüssig ist, da sie längst schon beantwortet wurde und durch die Kommunikationspraxis widerlegt ist, lässt sich einfach, unzweideutig und ohne jede weitere Erläuterung beantworten: Selbstverständlich ist (auch eine unter Umständen sehr scharfe) Kritik an bestimmten Entscheidungen israelischer Regierungsvertreter oder extremer nationalistischer Gruppierungen im Land oder Aktionen der israelischen Militärs kein Antisemitismus, sondern legitimer Ausdruck von politischer Auseinandersetzung und problemorientierter Kommunikation. Entsprechend gibt es, wie bei jedem anderen Land der Erde auch, Vieles, was aus der Innen- und Außenperspektive kritisch angesprochen wird. Dies geschieht kontinuierlich in allen deutschen (und westlichen) Massenmedien, insbesondere in Bezug auf den noch nicht gelösten Konflikt mit den Palästinensern, und bislang ist auch noch nie einem seriösen Kritiker israelischer Siedlungspolitik oder Militäraktionen vorgeworfen worden, es handele sich bei seinen Äußerungen um Antisemitismus. Dieser Vorwurf wird immer dann erhoben, wenn es sich um antiisraelische Äußerungen handelt, die antisemitischen Stereotype vermitteln und/oder Brachialverbalismen enthalten, die faktisch falschen Informationen vermitteln und/oder das Potenzial haben, eine judenfeindliche Stimmung zu erzeugen. Doch hält sich hartnäckig, fast obsessiv, trotz der andersgearteten Realität und aller faktischen Widerlegungen, das Klischee, Kritik an Israel sei in Deutschland aufgrund der NS-Geschichte ein Tabu […]. Die Behauptung, es gebe ein Kritiktabu, bedient dabei selbst ein tradiertes judeophobes Klischee, das seit dem 19. Jahrhundert existiert und auf der Konzeptualisierung basiert, es gebe eine jüdisch bestimmte Presse, die in Deutschland den Ton angibt. Seine Artikulation stützt somit die verschwörungstheoretisch determinierte Position der Sprachproduzenten, die sich zugleich als Verfechter der Meinungsfreiheit generieren können. […] Dass (sogar im Gegenteil) kein Staat der Welt so unverhältnismäßig oft und heftig kritisiert wird wie Israel, wird […] ignoriert oder geleugnet. Auffällig und signifikant ist in diesem Zusammenhang, dass dieses angebliche Meinungsdiktat stets nur von Personen unterstellt wird, deren Äußerungen nicht als israel-kritisch, sondern als verbal-antisemitisch einzustufen sind.

[…]

Vgl. etwa Schlagzeilen wie „Darf man Israel kritisieren?“ oder „Wie viel Kritik an Israel ist Deutschen erlaubt?“ sowie diverse ähnliche Varianten, die in Printmedien, Rundfunk- Fernsehsendungen regelmäßig benutzt werden. Solche Sprachstrukturen unterstellen aufgrund ihrer semantischen Information, es gebe ein Meinungsdiktat und eine Tabuisierung. Dadurch wird de facto etwas nicht Existierendes sprachlich geradezu heraufbeschworen. Ähnlich verhält es sich mit der Metapher „Antisemitismuskeule“, die impliziert, Israel-Kritikern würde stets der Antisemitismusvorwurf gemacht, obgleich der Vorwurf immer nur dann erhoben wird, wenn tatsächlich eine antisemitische Äußerung produziert wurde. Fragen und Behauptungen dieser Art werden keineswegs aus naiver Dummheit oder Unkenntnis geäußert, vielmehr dienen sie den Medien als populistische Aufmerksamkeitsverstärker. Antisemiten inszenieren ihre Kritik an Israel dagegen kalkuliert als Tabubruch, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus immun zu machen. Die Kritik dient so der Ablenkung von ihrer judenfeindlichen Einstellung und zugleich der Delegitimierung ihrer Kritiker.«

Quelle: Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s