Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo: Der Faktencheck

Ken Jebsen, Christoph Hörstel, Jürgen Elsässer, Rüdiger Lenz, Gerhard Wisnewski und andere Demagogen übertreffen sich mit Verschwörungstheorien rund um die Anschläge auf Charlie Hebdo. Daher ein kurzer Faktencheck der neun am häufigsten vorgebrachten Argumente die auf eine Verschwörung hindeuten sollen.

1. Die Ermittler wussten bereits unmittelbar nach den Anschlägen, dass es sich bei den Tätern um Islamisten handelt. Das bedeutet, dass die Aktion eine lang vorbereitete False Flag-Operation gewesen sein muss, um mal wieder Stimmung gegen Muslime bzw. den Islam zu machen.

Vermutlich waren bereits der Ausruf »Wir haben den Propheten gerächt« und die Tatsache, dass Charlie Hebdo seit Jahren ob seiner islamkritischen Karikaturen Morddrohungen erhielt und bereits einen Brandanschlag hinter sich hat, starke Indizien dafür, dass es sich bei den Attentätern höchstwahrscheinlich um Islamisten handelt. Für diese Schlussfolgerung muss man nicht gerade Sherlock Holmes heißen. 😉

2. Die Attentäter sind viel zu professionell vorgegangen. Die Täter müssen militärisch ausgebildete Profis gewesen sein.

Der Attentäter Saïd Kouachi hat ein Ausbildungslager der Terrorgruppe Al-Kaida im Jemen absolviert und war daher durchaus bewandert was Waffen und militärisches Vorgehen angeht. Dennoch sind Saïd und sein Bruder Chérif alles andere als professionell vorgegangen. Ursprünglich stürmten sie sogar ein falsches Gebäude und später auf der Flucht raubten sie einer Dame das Auto nachdem sie ihr eigenes Fluchtauto zu Schrott gefahren hatten.

3. Der Selbstmord des vermeintlichen Chefermittlers Helric Fredou einige Tage nach dem Anschlag ist doch ein zu großer Zufall. Wurde er ermordet weil er zu viel wusste?

Der Selbstmord des Polizeikommissars Helric Fredou wurde von diversen Verschwörungstheoretikern zu einer Sensationsmeldung aufgebauscht. Fredou war Komissar der Kriminalpolizei von Limoges und hatte die Routineaufgabe, die Familie eines der Opfer zu befragen. Limoges liegt rund 346 Kilometer von Paris entfernt. Somit war Fredou entgegen den Behauptungen weder an den Ermittlungen direkt in Paris und Umgebung beteiligt, geschweige denn einer der Chefermittler. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei war er depressiv und litt unter dem Burnout-Syndrom.

4. Einer der Terroristen hat seinen Ausweis im Auto liegen lassen, während die Terroristen den Fluchtwagen wechselten. Warum nimmt ein Terrorist seinen Ausweis mit und lässt ihn dann auch noch so auffällig rumliegen?

Die Kentrail-Verschwörung hat dieses Argument auf Facebook unter die Lupe genommen: »Hat man vor das Land nach einem Attentat unerkannt zu verlassen, nimmt man den Ausweis mit. Ist man jedoch erkannt worden und weiß, die Grenzen sind dicht und die Polizei ist mit einem Großafgebot auf den Versen, dann solte man sich absichern, in dem man den Ausweis liegen lässt. Das hat einen einfachen und logischen Grund: Es handelt sich um Märtyrer, die anerkannt werden müssen, damit die Terrororganisationen den Hinterbliebenen Geld zukommen lassen können.«

5. Der Supermarkt-Geiselnehmer Amedy Coulibaly war gefesselt und unbewaffnet als er erschossen wurde.

Dieses Argument bezieht sich auf das Video der Erschießung Coulibalys durch ein Sondereinsatzkommando der französischen Polizei. Spielt man das Video allerdings in Slow Motion ab, dann erkennt man sehr wohl, dass Coulibaly erstens eine Waffe in der Hand hält und zweitens zeitweise seine Arme von sich streckt.

6. Die Terroristen haben mit Platzpatronen geschossen.

Verschwörungstheoretiker behaupten, dass man auf den diversen Amateurvideos erkennen könne, dass die Terroristen mit Platzpatronen auf den Polizeiwagen und den Polizisten Ahmed Merabet geschossen hätten. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie die Einschusslöcher auf das Einsatzfahrzeug gekommen sind und wohin Merabet verschwunden ist. Wurde ein leerer Sarg beerdigt? Lebt Merabet nun in der hohlen Erde oder wurde er einer Gesichtstransplantation unterzogen? Alternative Theorien, die wesentlich mehr Fragen als die „offizielle Version“ aufwerfen, sind eben nicht die plausibleren Erklärungen.

7. Der schwarze Citroën der als Fluchtauto gedient hat, scheint nicht derselbe Wagen gewesen zu sein, den uns die Medien auf diversen Aufnahmen präsentieren, da das gefundene Fluchtauto schwarze Spiegel hatte und der Citroën auf den Fotos und Videos ganz klar weiße Spiegel hat.

Der Citroën hat schlicht Chromspiegel und je nach Perspektive scheint die Farbe auf einigen Fotos schwarz, da sich die schwarze Karosserie spiegelt, oder eben weiß bzw. silber.

8. François Hollande hat bei seiner Ansprache nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo behauptet, dass die Geheimgesellschaft der Illuminaten hinter dem Angriff stecken würde.

Diese Verschwörungstheorie geht auf einen grotesken Artikel zurück. Hollande sagte in der entsprechenden Rede: “Ces fanatiques, ces illuminés, n’ont rien à voir avec la religion musulmane”. Würden die Verschwörungstheoretiker in einem Wörterbuch nachschlagen, dann wüssten sie, was es mit dem französischen Wort illuminés auf sich hat: “illuminé(e): Personne dénuée d’esprit critique, qui soutient une doctrine avec une foi aveugle, un zèle fanatique”. Der Begriff bezeichnet also jemanden der unkritisch eine Ansicht/Lehre mit fanatischem Eifer unterstützt. Diese Bezeichnung dürfte im übrigen auch auf manch einen Anhänger solch absurder Verschwörungstheorien zutreffen.

9. Hinter dem Anschlag stecken die Rotschilds. Die Bankiersfamilie hat das französische Satiremagazin Charlie Hebdo kurz vor dem Attentat übernommen und wollte durch das Massaker die Auflagen stärken.

Mit dieser Verschwörungstheorie haben wir uns bereits auf Facebook beschäftigt.

Siehe dazu: https://www.facebook.com/GenFM/posts/1029114897105278:0

Die Wiederlegung weiterer Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo findet ihr hier und hier.

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Charlie Hebdo – Der Verschwörung zweiter Teil

Wir haben uns bereits hier und in einem Gastbeitrag hier mit den Verschwörungstheorien rund um Charlie Hebdo auseinandergesetzt. Inzwischen sind auch erwartungsgemäß weitere Verschwörungspropagandisten wie RT Deutsch, der Kopp Verlag oder Rüdiger Lenz auf den Zug gesprungen.

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Wenn es darum geht eine blutige Tragödie ideologisch auszuschlachten, dann lassen Aasgeier wie Jebsen oder Elsässer nicht lange auf sich warten.

Der aus Russland staatlich finanzierte Russia Today-Ableger RT Deutsch spekuliert etwa darüber, ob die Attentäter auf Charlie Hebdo gar nur mit Platzpatronen geschossen hätten.

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Aber Antworten auf Fragen wie nun die Einschusslöcher auf den attackierten Polizeiwagen gelangt sind oder ob die vermeintlichen Todesopfer – wie beispielsweise der Polizist Ahmed Merabet – nun zwecks Geheimhaltung den Rest ihres Lebens entweder Piña Coladas in der Karibik schlürfen dürfen oder aber in der Hohlerde mit den Reptilienmenschen verbringen müssen, lässt RT Deutsch freilich offen. Allerdings ist RT Deutsch in der Vergangenheit bereits durch eine ganze Reihe von Falschmeldungen und Manipulationen aufgefallen.

Gerhard Wisnewski hingegen behauptet auf Kopp Online, dass das Video von der Erschießung des Supermarkt-Geiselnehmers Amedy Coulibaly zeigen würde, dass es sich um eine Exekution Coulibalys durch die Polizei gehandelt habe. Zitat: „Genaue Bild-für-Bild-Analysen des Videos haben nun enthüllt, dass Coulibaly keine Waffe in der Hand hielt und gefesselt war, als er aus dem Laden sprang. Offenbar wurde er wie ein Stück Wild vor die Läufe der schießwütigen Bande getrieben“. Spielt man das Video allerdings in Slow Motion ab, dann erkennt man sehr wohl, dass Coulibaly erstens eine Waffe in der Hand hält und zweitens zeitweise seine Arme von sich streckt:

Rüdiger Lenz (Autor des Buches „Das Nichtkampf-Prinzip“, Aktivist bei den Montagsmahnwachen und dem „Friedenswinter“) spekuliert hingegen nicht erst ob es sich nun um eine False Flag-Aktion oder einen Inside Job gehandelt hat, sondern präsentiert auch gleich die vermeintlichen Täter.

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François Hollande hätte laut Lenz in seiner Ansprache nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo behauptet, dass die Geheimgesellschaft der Illuminaten hinter dem Angriff stecken würde. Hollande sagte nämlich in seiner Rede: „Ces fanatiques, ces illuminés, n’ont rien à voir avec la religion musulmane“. Hätte Lenz in einem Wörterbuch nachgeschlagen, dann wüsste er, was es mit dem französischen Wort illuminés auf sich hat: „illuminé(e): Personne dénuée d’esprit critique, qui soutient une doctrine avec une foi aveugle, un zèle fanatique“. Der Begriff bezeichnet also jemanden der unkritisch eine Ansicht/Lehre mit fanatischem Eifer unterstützt. In der Tat würde diese Beschreibung auch auf so man einen Zeitgenossen zutreffen, der jeden noch so absurden Nonsens blind glaubt, den ihm die Propagandisten der deutschsprachigen Verschwörungsindustrie so vorsetzen. Das einzige Wahrheitskriterium scheint oftmals zu sein ob eine Information dem eigenen Weltbild entspricht oder eben nicht.

Was verbindet Verschwörungsideologien und Religionen noch? Die Konstruktion des absoluten Bösen und des Guten als maßgebliches Welterklärungsmuster. Im wahnhaften Extremfall führt dieser Dualismus dazu, dass dieser vermeintlich als das personifizierte Böse (oder im Dienste des Bösen stehende) wahrgenommene Personengruppe die Lebensberechtigung abgesprochen wird. Die historischen und aktuellen Beispiele hierführ sind mannigfaltig. Man denke beispielsweise nur an die Hexenverbrennungen, Hitlers eliminatorischen Antisemitismus oder die Ideologie des Islamischen Staates. Siehe dazu auch unseren Artikel über die Gefahren von Verschwörungsideologien.

Abschließend sei zum Thema Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo noch auf ein empfehlenswertes Video von Rayk Anders verwiesen:

Siehe dazu auch:

http://jungle-world.com/artikel/2015/03/51241.html

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/14/er-und-sein-kollege-breivik-jebsen-dreht-weiter-am-rad/

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/10/charlie-hebdo-die-ideologische-ausschlachtung-eines-massakers-2/

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43809/1.html

http://www.huffingtonpost.de/2015/01/11/paris-attentat-verschwoerungstheorien_n_6450856.html

http://motherboard.vice.com/de/read/geballte-digitale-medienkompetenz-erklrt-charlie-hebdo-angriff-zu-false-flag-op

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/uber-inszenierung-undcui-bono.html

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/albrecht-muller-empfiehlt-andreas-von.html

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/08/ken-jebsen-leichenfledderei-teil-1/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/09/ken-jebsens-leichenfledderei-teil-2/

Die Kentrail-Verschwörung 1

Die Kentrail-Verschwörung 2

Friedensdemo-Watch 1

Friedensdemo-Watch 2

Friedensdemo-Watch 3

Charlie Hebdo und die Verschwörungstheorien

Zur geschmacklosen Vermengung von realem Terror und Verschwörungstheorien

Analyse des YouTube-Videos „KenFM: Terror lebt vom Timing“

Ein Gastbeitrag von John Wu

„Gelenkte Demokratie“, „wir werden benutzt“, „das Weltgeschehen ist die Kulisse, dahinter – im Geheimen – spielt sich alles ab“…
Unbenann66t
Wenn ich so etwas schon höre…
Unbenann66t
Obwohl das Konzept der im Hintergrund stattfindenden Verschwörungen festes Sendekonzept von KenFM zu sein scheint, schafft es der Moderator im aktuellen Beitrag endgültig, sich die Krone des schlechten Geschmacks aufzusetzen, indem er auf dem Rücken der Opfer in Paris absurdeste Verschwörungstheorien unter seinen (z.T. jungen) Zuschauern verbreitet. „Terror lebt vom Timing“ – um zu begreifen, was bereits der Titel suggeriert, genügt ein Blick auf einzelne Textstellen.
ipp

Ken Jebsen: »Nur was auch passt ist die Erkenntnis, dass es in der Politik und damit in der Geschichte keine Zufälle gibt.«

Der Autor entwirft gleich zu Beginn einen Zusammenhang zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Der „informierte“ Zuhörer weiß natürlich, worauf der „Journalist“ Ken Jebsen damit anspielt: Dass alles, was an diesem folgenschweren Tag im Fernsehen zu sehen war, nur die gut inszenierte Aufführung einer mächtigen, im Hintergrund agierenden Gruppe von Verschwörern war, die die Fäden des Weltgeschehens von Amerika bis Israel fest im Griff halten.
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Doch damit nicht genug. In coolen Jugendsprech („hier liegt der Hase im Pfeffer“) erfahren wir, dass dies ziemlich wahrscheinlich auch im aktuellen Fall, den Attentaten von Paris, so war. Was das für ein junges Gehirn auf der Suche nach Erklärungen für die komplexen Geschehnisse der Welt – zumal im Zustand der Verunsicherung nach einem Terroranschlag – bedeutet, kann verharmlosend als politische Verdummung bezeichnet werden. „Fakt ist, die Täter in Paris agierten wie Profis (…), sie bewegten sich wie ausgebildete Special Forces“. Damit ist klar, wer die Anschläge zu verantworten hat: Nicht etwa menschenverachtende islamistische Idioten, sondern „Special Forces“- wahlweise ausgebildet vom Westen, der Nato oder eben – dem Ami.
Karikatur

Von KenFM getwitterte Karikatur des antisemitischen Karikaturisten Carlos Latuff. Diese Karikatur veröffentlichte Jebsen am Tage einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris und zwei Tage nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo.

So geht es weiter. Der – französischen – Politik wird vorgeworfen, einen „Ersatzfeind“ zu kreieren, um von anderen Problemen abzulenken. Die französische Presse müsse sich fragen lassen „wie unabhängig“ sie ist. Flug MH17, die NSA, aber auch Statistiken, die die Häufigkeit, vom Blitz getroffen zu werden, mit der Häufigkeit, Opfer islamistischer Anschläge zu werden, in Verbindung bringen, werden zusammengerührt. Alles unter den Eindrücken der Anschläge von Paris.

Das ist nicht nur extrem geschmacklos, die Umdeutungen der Vorgänge tendiert ins Wahnhafte. Die „Amerikanisierung von Europa“ zuletzt setzt dem ganzen den Hut auf. In einer Zeit, in der jeder und jede auf die Straße geht, weil er/sie sich von „Scheinbarem“ bedroht fühlt, zeigt dies nur, welches ganz persönliche Bedrohungsszenario der Moderator favorisiert.

ipp

Religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum? Passt für Jebsen nicht zusammen.

Was hier angeboten wird, könnte man verharmlosend als eine Art „RTL2“ der politischen Bildung betrachten, als ein dumm – bildendes Element unter vielen, das die selbsternannten „alternativen Medien“ in ihrem Selbstverständnis der Mainstream- und „Lügenpresse“ entgegenhalten. Es ist schlimmer. Die ständige Indoktrination, dass hinter allem eine verborgene Wahrheit liegt, erzeugt beim (vermutlich politisch eher ungebildeten, aber neugierigen) Zuhörer Angst und Ohnmachtsgefühle. Die permanente Nichtanerkennung von realen und politischen Vorgängen und das Umdeuten des Weltgeschehens ist eben alles andere als fundierte Kritik an Staat, Medien und Gesellschaft. Sie schürt stattdessen irrationales Misstrauen und bewirkt das Gegenteil von politischem oder gesellschaftlichem Engagement beim Zuhörer. Wer einmal davon infiziert ist, wird der Welt gegenüber misstrauisch, nimmt nicht mehr aktiv teil, sondern schottet sich ab, wird passiv. Dort im Stillen wartet er dann auf die nächste große Verkündung „hintergründiger“ Informationen des selbsternannten Propheten. Oder, noch schlimmer, er wird zur unkritischen Manövriermasse gewissenloser Demagogen.

Charlie Hebdo – Die ideologische Ausschlachtung eines Massakers

Am 7. Januar 2015 stürmten gegen 11:30 Uhr zwei mit Kalaschnikows bewaffnete vermummte Männer die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen. Es handelte sich um die Gebrüder Saïd und Chérif Kouachi. Die beiden Franzosen waren die Kinder algerischer Eltern und wurden unter dem Einfluss des islamistischen Predigers Farid Benyettou religiös-politisch radikalisiert. Es handelte sich also um Islamisten mit Migrationshintergrund und diese Tatsache lässt sich leider in Zeiten von Pegida und erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa prima instrumentalisieren. Just zu diesem Zeitpunkt kochte in Frankreich die Debatte um Islamisierung und Zuwanderung u.a. durch Michel Houellebecqs umstrittenen Roman »Unterwerfung« gerade besonders hoch und so ist es kaum verwunderlich, dass auch die rechtsradikale Partei Front National die Tragödie für sich populistisch ausschlachtet. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen ging gar so weit, die Wiedereinführung der Todesstrafe zu fordern. Aber auch in Deutschland spielte das Massaker sowohl der NPD und den Pegida-Demonstranten in die Hände, als auch den Protagonisten der Verschwörungsindustrie. Und so sprudelten auch schon die ersten Verschwörungstheorien aus den Untiefen des Internets hervor, als die Leichen der Opfer noch nicht einmal kalt waren. Ganz so plump wie der britische Braunesoteriker David Icke ging man zwar selten vor, denn Icke behauptete auf Facebook, dass es sich bei der Hinrichtung des Polizisten Ahmed Merabet, die zufällig gefilmt wurde, um einen Fake handeln würde.

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Vermutet David Icke mal wieder die Reptilienmenschen hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo?

Die Beantwortung der Frage, ob Merabet nun sein restliches Leben in Neuschwabenland oder der hohlen Erde verbringen muss, damit der Schwindel nicht auffliegt, ließ Icke freilich offen.

Es war nicht schwer abzusehen, dass auch die deutschen Verschwörungsunternehmer das Massaker für sich ideologisch ausschlachten würden und es war ebenfalls nicht schwer zu erraten, wer die Tragödie welcher sinistren Hintergrundmacht in die Schuhe schieben würde. Jürgen Elsässer etwa verfasste kurz nach dem Attentat einen Artikel mit der Überschrift »Der Terror in Paris zeigt, wie Recht PEGIDA hat! Protestiert gegen den Terror, und nicht gegen PEGIDA!« und faselte etwas von einer False-Flag-Operation militanter Islamisten durch CIA und Mossad, denn Hollande hätte die westlichen Russlandsanktionen abgelehnt und das französische Parlament wolle den Staat Palästina anerkennen. Auch die populäre Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv, die laut Lars Mährholz von einem gewissen Mario Rönsch betrieben wird, teilt die Ansicht, dass es sich um eine Strafaktion Israels handeln würde.

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Hat auch hier mal wieder seine Finger im Spiel: Das Weltzionistentum.

Albrecht Müller hingegen spekuliert auf seinen Nachdenkseiten über False-Flag-Operationen der NATO/CIA-Geheimorganisation Gladio und der Geheimloge Propaganda Due (P2). Ins gleiche Horn bließ auch Ken Jebsen und vermutete in einem YouTube-Video die Nato als Täterin. Zitat KenFM: »Wem nützt dieser Anschlag? Gerade jetzt? Wir wissen aus der dunklen Geschichte der NATO, da sie selber über 40 Jahre unzählige Terroranschläge selber durchführte, oder aber ausführen lies. Durch dritte. .Z.B. einschlägig bekannte Neonazis und Rechtsradikale. Dabei gingen die Täter oft mit der selben Brutalität vor wie jetzt in Paris«.

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Zitat Jürgen Elsässer: „Jedenfalls: Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gräber der Toten in Paris“.

Aber was weckte nun Ken Jebsens Misstrauen an der »offiziellen Version«?

Zitat Jebsen: »Wichtig ist, dass es sich in Paris um muslimische Attentäter handeln soll. Das passt. Schließlich sollen die bewaffneten und vermummten Männer während ihrer Tat den Satz ausgerufen haben: „Wir haben den Propheten gerächt“. In perfektem Französisch«.

Wow, zwei gebürtige Franzosen die perfekt und akzentfrei die französische Sprache beherrschen. Sehr verdächtig! Das lässt wahrlich einen jeden kritischen Geist aufhorchen.

Zitat Jebsen: »Was auffällt ist, dass auch dieses Verbrechen schon geklärt zu sein scheint, bevor die Ermittler eine SoKo zusammenstellen konnten. Es müssen Moslems gewesen sein. Genau wie am 11. September 2001. New York wie Paris wurden nach eigenen Angaben völlig überrascht, und dennoch ist in beiden Fällen immer schon Minuten nach den Anschlägen glasklar, in welchem Milieu die Täter zu finden sein müssen«.

Vermutlich waren bereits der Ausruf »Wir haben den Propheten gerächt« und die Tatsache, dass Charlie Hebdo seit Jahren ob seiner islamkritischen Karikaturen Morddrohungen erhielt und bereits einen Brandanschlag hinter sich hat, starke Indizien dafür, dass es sich bei den Attentätern um Muslime handeln könnte. Ein Indiz dafür, dass es sich bei 9/11 um Muslime handeln könnte, war wohl, dass sich Osama Bin Laden und Al-Qaida kurz nach dem Anschlag öffentlich zu ihrer Täterschaft bekannt haben.

Weiterhin argumentiert Jebsen, dass einer der Attentäter seinen Personalausweis im Fluchtwagen vergessen hätte. Das geschah während die Terroristen das Auto wechselten und dieser Zufall sei nun einmal sehr unwahrscheinlich. Stimmt, im Eifer des Gefechts kann man ja nicht mal einen dummen Fehler machen und sein Portemonnaie liegen lassen, wenn man vor dem gesamten französischen Sicherheitsapparat auf der Flucht ist. Jebsen weiter: »Wer nimmt seinen Personalausweis mit wenn er plant Menschen im grossen Stil zu erschießen?«. Gegenfrage: Warum nicht? Damit man sonst nicht identifiziert werden kann, falls man geschnappt wird? Eugène François Vidocq würde wohl im Grab rotieren, wenn er wüsste, dass man der französischen Polizei nur noch die Kompetenz eines Jacques Clouseau zutraut. Und falls man beabsichtigt sich ins Ausland abzusetzen, so wäre es sicher recht praktisch, wenn man sich auch ausweisen könnte.

Desweiteren stellt Jebsen eine Analogie zu Satam al-Suqami her. Der Pass des 9/11-Terroristen hatte die Explosion überstanden und wurde in der nähe des World Trade Centers gefunden – wie übrigens diverse andere Objekte aus Pappe und Papier auch. Klingt unwahrscheinlich? Stimmt, das klingt wirklich nicht sehr wahrscheinlich. Übrigens, die Raumfähre Columbia brach am 1. Februar 2003, bei ihrem 28. Weltraumeinsatz, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander, wobei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Das heißt… es gab durchaus Überlebende. In den Trümmern wurden ein paar Fadenwürmer der Gattung Caenorhabditis elegans gefunden, die zwecks Experimenten im Weltall mit auf die Reise genommen wurden. Wie wahrscheinlich ist das? Und überhaupt: Warum hätten die US-Behörden den Pass ausgerechnet in der Nähe des Tatorts platzieren sollen? Und warum hätten die französischen Behörden den Personalausweis ausgerechnet im Fluchtwagen deponieren sollen? Da hätte man sich durchaus eine kreativere und unverdächtigere Geschichte ausdenken können, um das kriminalistische Geschick der Police Nationale unter Beweis zu stellen.

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Religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum? Passt für Jebsen nicht zusammen.

Natürlich ist für Jebsen klar, dass irgendwie auch die Zionisten ihre Finger im Spiel haben müssen, denn schließlich wissen wir aus vielen seiner Vorträgen, wie viel Macht und Einfluss Menschen mit »jüdischen Roots« haben. Und so lässt er es sich nicht nehmen auch in diesem Fall auf sein Lieblingsfeindbild zu referieren:

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Darf zu keinem Thema fehlen: Die obligatorische Anspielung auf die „Antisemitismuskeule“.

Ken Jebsen twitterte also in Anspielung auf die islamkritischen Karikaturen von Charlie Hebdo eine Zeichnung des antisemitischen Cartoonisten Carlos Latuff. Latuff kritisiert mit seiner Karikatur, dass zwar islamkritische Cartoons unter die Pressefreiheit fallen würden, während Kritik am Judentum Antisemitismusvorwürfe nach sich ziehen würde. Aber stimmt diese Behauptung oder spielt Jebsen mal wieder mit antisemitischen Ressentiments, wenn er andeutet, dass ominöse Hintergrundmächte mittels der »Antisemitismuskeule« untersagen, dass scharfe Kritik am Judentum geäußert wird? Werfen wir mal einen Blick auf die Arbeiten von Charlie Hebdo. Stéphane Charbonnier (Pseudonym Charb) ist einer der ermordeten Karikaturisten von Charlie Hebdo. Sein Steckenpferd war u.a. die satirische Auseinandersetzung mit Religionen. Neben der Kritik am Christentum und dem Islam hat sich Charb auch immer wieder satirisch mit dem Judentum befasst. So verfasste er beispielsweise eine Reihe mit dem Titel »Un commandement de la Torah par jour« (Das Gebot des Tages: Die Tora Illustriert von Charb), in der er sich damit auseinandersetzte, dass viele Juden seiner Meinung nach ihre religiösen Werte im Alltag und durch den israelisch-palästinensischen Konflikt ad absurdum führen würden. Auch hier zeigt sich also mal wieder, dass Jebsen antisemitische Verschwörungstheorien bei genauerer Überprüfung ins Leere laufen. Aber vielleicht ist es für Jebsen auch einfach nur unbegreiflich, dass man das Judentum und Israel kritisieren und durch den Kakao ziehen kann, ohne sich antisemitischer Ressentiments und Stereotype zu bedienen.

Bekanntlich kochen besonders in religiösen Belangen die Gemüter der Gläubigen hoch, wenn es um beißenden Spott geht. Mehrmals klagten die katholische Kirche, aber auch islamische Organisationen gegen Charlie Hebdo. Aber muss Satire wirklich ausgewogen und zurückhaltend sein? Kurt Tucholsky schrieb: »Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles«.

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Auch was das Judentum betrifft hat Charlie Hebdo kein Blatt vor den Mund genommen.

Und schließlich kommt Jebsen zu der sensationellen Erkenntnis: »Nur was auch passt ist die Erkenntnis, dass es in der Politik und damit in der Geschichte keine Zufälle gibt«. Was braucht es auch komplexe Erklärungsmodelle, wenn man Feindbilder hat und daher sowieso prinzipiell immer vorher weiß, wer an allem Übel schuld ist? Die gleichgeschaltete Lügenpresse lügt, die Politik ist korrupt, die Wissenschaft ist eingekauft und jeder Kritiker ein bezahlter Desinformant. Es gilt alles und jeden zu hinterfragen – nur eben nicht sich selbst. Wer die absolute Wahrheit und nichts als die Wahrheit wissen will, der muss eben Elsässers Compact-Magazin abonnieren oder KenFM-Videos anklicken, damit Jebsen seine Werbeeinnahmen bekommt. Abschließend bleibt wohl nur noch einen anderen Comiczeichner, nämlich Alan Moore, zu zitieren: »The main thing that I learned about conspiracy theory is that conspiracy theorists actually believe in a conspiracy because that is more comforting. The truth of the world is that it is chaotic. The truth is, that it is not the Jewish banking conspiracy or the grey aliens or the 12 foot reptiloids from another dimension that are in control. The truth is more frightening, nobody is in control. The world is rudderless«.

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Siehe zum Thema Charlie Hebdo und der Auseinandersetzung mit dem Judentum und Israel auch:

http://forward.com/articles/212292/why-charlie-hebdo-must-be-free-to-offend-all-ev/

http://blogs.forward.com/the-shmooze/212244/when-charlie-hebdo-lampooned-jews-too/

https://web.archive.org/web/20140626021238/http://www.charliehebdo.fr/dossier/torah-71.html

Siehe dazu auch:

http://jungle-world.com/artikel/2015/03/51241.html

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43809/1.html

http://www.huffingtonpost.de/2015/01/11/paris-attentat-verschwoerungstheorien_n_6450856.html

http://motherboard.vice.com/de/read/geballte-digitale-medienkompetenz-erklrt-charlie-hebdo-angriff-zu-false-flag-op

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/uber-inszenierung-undcui-bono.html

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/albrecht-muller-empfiehlt-andreas-von.html

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/14/er-und-sein-kollege-breivik-jebsen-dreht-weiter-am-rad/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/08/ken-jebsen-leichenfledderei-teil-1/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/09/ken-jebsens-leichenfledderei-teil-2/

Die Kentrail-Verschwörung 1

Die Kentrail-Verschwörung 2

Friedensdemo-Watch 1

Friedensdemo-Watch 2

Friedensdemo-Watch 3