Charlie Hebdo – Die ideologische Ausschlachtung eines Massakers

Am 7. Januar 2015 stürmten gegen 11:30 Uhr zwei mit Kalaschnikows bewaffnete vermummte Männer die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen. Es handelte sich um die Gebrüder Saïd und Chérif Kouachi. Die beiden Franzosen waren die Kinder algerischer Eltern und wurden unter dem Einfluss des islamistischen Predigers Farid Benyettou religiös-politisch radikalisiert. Es handelte sich also um Islamisten mit Migrationshintergrund und diese Tatsache lässt sich leider in Zeiten von Pegida und erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa prima instrumentalisieren. Just zu diesem Zeitpunkt kochte in Frankreich die Debatte um Islamisierung und Zuwanderung u.a. durch Michel Houellebecqs umstrittenen Roman »Unterwerfung« gerade besonders hoch und so ist es kaum verwunderlich, dass auch die rechtsradikale Partei Front National die Tragödie für sich populistisch ausschlachtet. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen ging gar so weit, die Wiedereinführung der Todesstrafe zu fordern. Aber auch in Deutschland spielte das Massaker sowohl der NPD und den Pegida-Demonstranten in die Hände, als auch den Protagonisten der Verschwörungsindustrie. Und so sprudelten auch schon die ersten Verschwörungstheorien aus den Untiefen des Internets hervor, als die Leichen der Opfer noch nicht einmal kalt waren. Ganz so plump wie der britische Braunesoteriker David Icke ging man zwar selten vor, denn Icke behauptete auf Facebook, dass es sich bei der Hinrichtung des Polizisten Ahmed Merabet, die zufällig gefilmt wurde, um einen Fake handeln würde.

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Vermutet David Icke mal wieder die Reptilienmenschen hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo?

Die Beantwortung der Frage, ob Merabet nun sein restliches Leben in Neuschwabenland oder der hohlen Erde verbringen muss, damit der Schwindel nicht auffliegt, ließ Icke freilich offen.

Es war nicht schwer abzusehen, dass auch die deutschen Verschwörungsunternehmer das Massaker für sich ideologisch ausschlachten würden und es war ebenfalls nicht schwer zu erraten, wer die Tragödie welcher sinistren Hintergrundmacht in die Schuhe schieben würde. Jürgen Elsässer etwa verfasste kurz nach dem Attentat einen Artikel mit der Überschrift »Der Terror in Paris zeigt, wie Recht PEGIDA hat! Protestiert gegen den Terror, und nicht gegen PEGIDA!« und faselte etwas von einer False-Flag-Operation militanter Islamisten durch CIA und Mossad, denn Hollande hätte die westlichen Russlandsanktionen abgelehnt und das französische Parlament wolle den Staat Palästina anerkennen. Auch die populäre Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv, die laut Lars Mährholz von einem gewissen Mario Rönsch betrieben wird, teilt die Ansicht, dass es sich um eine Strafaktion Israels handeln würde.

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Hat auch hier mal wieder seine Finger im Spiel: Das Weltzionistentum.

Albrecht Müller hingegen spekuliert auf seinen Nachdenkseiten über False-Flag-Operationen der NATO/CIA-Geheimorganisation Gladio und der Geheimloge Propaganda Due (P2). Ins gleiche Horn bließ auch Ken Jebsen und vermutete in einem YouTube-Video die Nato als Täterin. Zitat KenFM: »Wem nützt dieser Anschlag? Gerade jetzt? Wir wissen aus der dunklen Geschichte der NATO, da sie selber über 40 Jahre unzählige Terroranschläge selber durchführte, oder aber ausführen lies. Durch dritte. .Z.B. einschlägig bekannte Neonazis und Rechtsradikale. Dabei gingen die Täter oft mit der selben Brutalität vor wie jetzt in Paris«.

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Zitat Jürgen Elsässer: „Jedenfalls: Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gräber der Toten in Paris“.

Aber was weckte nun Ken Jebsens Misstrauen an der »offiziellen Version«?

Zitat Jebsen: »Wichtig ist, dass es sich in Paris um muslimische Attentäter handeln soll. Das passt. Schließlich sollen die bewaffneten und vermummten Männer während ihrer Tat den Satz ausgerufen haben: „Wir haben den Propheten gerächt“. In perfektem Französisch«.

Wow, zwei gebürtige Franzosen die perfekt und akzentfrei die französische Sprache beherrschen. Sehr verdächtig! Das lässt wahrlich einen jeden kritischen Geist aufhorchen.

Zitat Jebsen: »Was auffällt ist, dass auch dieses Verbrechen schon geklärt zu sein scheint, bevor die Ermittler eine SoKo zusammenstellen konnten. Es müssen Moslems gewesen sein. Genau wie am 11. September 2001. New York wie Paris wurden nach eigenen Angaben völlig überrascht, und dennoch ist in beiden Fällen immer schon Minuten nach den Anschlägen glasklar, in welchem Milieu die Täter zu finden sein müssen«.

Vermutlich waren bereits der Ausruf »Wir haben den Propheten gerächt« und die Tatsache, dass Charlie Hebdo seit Jahren ob seiner islamkritischen Karikaturen Morddrohungen erhielt und bereits einen Brandanschlag hinter sich hat, starke Indizien dafür, dass es sich bei den Attentätern um Muslime handeln könnte. Ein Indiz dafür, dass es sich bei 9/11 um Muslime handeln könnte, war wohl, dass sich Osama Bin Laden und Al-Qaida kurz nach dem Anschlag öffentlich zu ihrer Täterschaft bekannt haben.

Weiterhin argumentiert Jebsen, dass einer der Attentäter seinen Personalausweis im Fluchtwagen vergessen hätte. Das geschah während die Terroristen das Auto wechselten und dieser Zufall sei nun einmal sehr unwahrscheinlich. Stimmt, im Eifer des Gefechts kann man ja nicht mal einen dummen Fehler machen und sein Portemonnaie liegen lassen, wenn man vor dem gesamten französischen Sicherheitsapparat auf der Flucht ist. Jebsen weiter: »Wer nimmt seinen Personalausweis mit wenn er plant Menschen im grossen Stil zu erschießen?«. Gegenfrage: Warum nicht? Damit man sonst nicht identifiziert werden kann, falls man geschnappt wird? Eugène François Vidocq würde wohl im Grab rotieren, wenn er wüsste, dass man der französischen Polizei nur noch die Kompetenz eines Jacques Clouseau zutraut. Und falls man beabsichtigt sich ins Ausland abzusetzen, so wäre es sicher recht praktisch, wenn man sich auch ausweisen könnte.

Desweiteren stellt Jebsen eine Analogie zu Satam al-Suqami her. Der Pass des 9/11-Terroristen hatte die Explosion überstanden und wurde in der nähe des World Trade Centers gefunden – wie übrigens diverse andere Objekte aus Pappe und Papier auch. Klingt unwahrscheinlich? Stimmt, das klingt wirklich nicht sehr wahrscheinlich. Übrigens, die Raumfähre Columbia brach am 1. Februar 2003, bei ihrem 28. Weltraumeinsatz, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander, wobei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Das heißt… es gab durchaus Überlebende. In den Trümmern wurden ein paar Fadenwürmer der Gattung Caenorhabditis elegans gefunden, die zwecks Experimenten im Weltall mit auf die Reise genommen wurden. Wie wahrscheinlich ist das? Und überhaupt: Warum hätten die US-Behörden den Pass ausgerechnet in der Nähe des Tatorts platzieren sollen? Und warum hätten die französischen Behörden den Personalausweis ausgerechnet im Fluchtwagen deponieren sollen? Da hätte man sich durchaus eine kreativere und unverdächtigere Geschichte ausdenken können, um das kriminalistische Geschick der Police Nationale unter Beweis zu stellen.

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Religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum? Passt für Jebsen nicht zusammen.

Natürlich ist für Jebsen klar, dass irgendwie auch die Zionisten ihre Finger im Spiel haben müssen, denn schließlich wissen wir aus vielen seiner Vorträgen, wie viel Macht und Einfluss Menschen mit »jüdischen Roots« haben. Und so lässt er es sich nicht nehmen auch in diesem Fall auf sein Lieblingsfeindbild zu referieren:

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Darf zu keinem Thema fehlen: Die obligatorische Anspielung auf die „Antisemitismuskeule“.

Ken Jebsen twitterte also in Anspielung auf die islamkritischen Karikaturen von Charlie Hebdo eine Zeichnung des antisemitischen Cartoonisten Carlos Latuff. Latuff kritisiert mit seiner Karikatur, dass zwar islamkritische Cartoons unter die Pressefreiheit fallen würden, während Kritik am Judentum Antisemitismusvorwürfe nach sich ziehen würde. Aber stimmt diese Behauptung oder spielt Jebsen mal wieder mit antisemitischen Ressentiments, wenn er andeutet, dass ominöse Hintergrundmächte mittels der »Antisemitismuskeule« untersagen, dass scharfe Kritik am Judentum geäußert wird? Werfen wir mal einen Blick auf die Arbeiten von Charlie Hebdo. Stéphane Charbonnier (Pseudonym Charb) ist einer der ermordeten Karikaturisten von Charlie Hebdo. Sein Steckenpferd war u.a. die satirische Auseinandersetzung mit Religionen. Neben der Kritik am Christentum und dem Islam hat sich Charb auch immer wieder satirisch mit dem Judentum befasst. So verfasste er beispielsweise eine Reihe mit dem Titel »Un commandement de la Torah par jour« (Das Gebot des Tages: Die Tora Illustriert von Charb), in der er sich damit auseinandersetzte, dass viele Juden seiner Meinung nach ihre religiösen Werte im Alltag und durch den israelisch-palästinensischen Konflikt ad absurdum führen würden. Auch hier zeigt sich also mal wieder, dass Jebsen antisemitische Verschwörungstheorien bei genauerer Überprüfung ins Leere laufen. Aber vielleicht ist es für Jebsen auch einfach nur unbegreiflich, dass man das Judentum und Israel kritisieren und durch den Kakao ziehen kann, ohne sich antisemitischer Ressentiments und Stereotype zu bedienen.

Bekanntlich kochen besonders in religiösen Belangen die Gemüter der Gläubigen hoch, wenn es um beißenden Spott geht. Mehrmals klagten die katholische Kirche, aber auch islamische Organisationen gegen Charlie Hebdo. Aber muss Satire wirklich ausgewogen und zurückhaltend sein? Kurt Tucholsky schrieb: »Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles«.

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Auch was das Judentum betrifft hat Charlie Hebdo kein Blatt vor den Mund genommen.

Und schließlich kommt Jebsen zu der sensationellen Erkenntnis: »Nur was auch passt ist die Erkenntnis, dass es in der Politik und damit in der Geschichte keine Zufälle gibt«. Was braucht es auch komplexe Erklärungsmodelle, wenn man Feindbilder hat und daher sowieso prinzipiell immer vorher weiß, wer an allem Übel schuld ist? Die gleichgeschaltete Lügenpresse lügt, die Politik ist korrupt, die Wissenschaft ist eingekauft und jeder Kritiker ein bezahlter Desinformant. Es gilt alles und jeden zu hinterfragen – nur eben nicht sich selbst. Wer die absolute Wahrheit und nichts als die Wahrheit wissen will, der muss eben Elsässers Compact-Magazin abonnieren oder KenFM-Videos anklicken, damit Jebsen seine Werbeeinnahmen bekommt. Abschließend bleibt wohl nur noch einen anderen Comiczeichner, nämlich Alan Moore, zu zitieren: »The main thing that I learned about conspiracy theory is that conspiracy theorists actually believe in a conspiracy because that is more comforting. The truth of the world is that it is chaotic. The truth is, that it is not the Jewish banking conspiracy or the grey aliens or the 12 foot reptiloids from another dimension that are in control. The truth is more frightening, nobody is in control. The world is rudderless«.

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Siehe zum Thema Charlie Hebdo und der Auseinandersetzung mit dem Judentum und Israel auch:

http://forward.com/articles/212292/why-charlie-hebdo-must-be-free-to-offend-all-ev/

http://blogs.forward.com/the-shmooze/212244/when-charlie-hebdo-lampooned-jews-too/

https://web.archive.org/web/20140626021238/http://www.charliehebdo.fr/dossier/torah-71.html

Siehe dazu auch:

http://jungle-world.com/artikel/2015/03/51241.html

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43809/1.html

http://www.huffingtonpost.de/2015/01/11/paris-attentat-verschwoerungstheorien_n_6450856.html

http://motherboard.vice.com/de/read/geballte-digitale-medienkompetenz-erklrt-charlie-hebdo-angriff-zu-false-flag-op

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/uber-inszenierung-undcui-bono.html

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/albrecht-muller-empfiehlt-andreas-von.html

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/14/er-und-sein-kollege-breivik-jebsen-dreht-weiter-am-rad/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/08/ken-jebsen-leichenfledderei-teil-1/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/09/ken-jebsens-leichenfledderei-teil-2/

Die Kentrail-Verschwörung 1

Die Kentrail-Verschwörung 2

Friedensdemo-Watch 1

Friedensdemo-Watch 2

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Jürgen Elsässers Sympathien für gewaltbereite Rechtsextreme und fremdenfeindliche Hetze

Elsässer und die »Masseneinwanderung«

Jürgen Elsässer wurde auf dem Fernsehsender RT (ehemals Russia Today) bezüglich der Migrationspolitik in Deutschland interviewt. Elsässer behauptet, dass Privatleute dazu verpflichtet wären, ihre Wohnungen für Flüchtlinge bereitzustellen. Weiterhin meint er, dass die Flüchtlingsdörfer wachsende Slums seien und mit den Flüchtlingen ein großes Terrorismusproblem nach Deutschland käme.

Bedauerlich ist, dass RT rechtspopulistischen Demagogen wie Elsässer oder Udo Ulfkotte für deren hanebüchenen Nonsens widerspruchslos ein Forum bietet. In der Tat gibt es für Flüchtlinge in vielen Regionen Deutschlands nicht genug Unterkünfte. Der CDU-Politiker Martin Patzelt hat daher nigerianische Flüchtliche bei sich beherbergt und dafür appelliert, dass andere Privathaushalte ebenfalls Flüchtlinge aufnehmen könnten. Ein Appell für Solidarität mit notleidenden Menschen ist aber noch lange keine Verpflichtung. Um zu erfahren wie es Flüchlingen in ihren Unterkünften ergeht, sei hier auf die empehlenswerte ARD-Dokumentation Vier Wochen Asyl – Ein Selbstversuch mit Rückkehrrecht verwiesen. Desweiteren ist erst kürzlich bekannt geworden, dass Asylbewerber in einer nordrhein-westfälischen Notunterkunft schwer misshandelt wurden und das offenbar kein Einzelfall ist.

Elsässer warnt außerdem davor, dass die Zahl der Asylanträge drastisch zugenommen hätte. Die Amadeu Antonio Stiftung schreibt dazu: »2013 baten in Deutschland knapp 110.000 Menschen um Asyl, 2012 waren es 65.000 Asylsuchende. Es ist vor allem für die Betroffenen eine traurige Tatsache, dass derzeit besonders viele Menschen in Staaten wie Syrien, Afghanistan und anderen fliehen müssen, um ihr Leben zu retten. Für Deutschland als Aufnahmeland ist die zuletzt sprunghaft gestiegene Zahl der Asylsuchenden aber kein Ggrund zur Besorgnis. In der Vergangenheit gab es niedrigere, aber auch weit höhere Asylzahlen. 2007 war die Asylantragszahl in Deutschland auf dem historischen Tiefstand: 20.000 Menschen baten damals um Asyl. Anfang der 90er Jahre hatte die Zahl um ein Vielfaches höher gelegen – zwischen 190.000 und 438.000 Asylsuchenden. Die Zahl der schutzsuchenden Menschen ist abhängig davon, wo und wie sich Kriege und humanitäre Katastrophen entwickeln. Mit Schwankungen ist immer zu rechnen. Auch der EU-Vergleich relativiert die Zahl: Zwar hat die Bundesrepublik die meisten Asylanträge, gemessen an der Bevölkerungsgröße bewegt sie sich jedoch seit Jahren im Mittelfeld: Mit neun Asylanträgen pro 10.000 Einwohner lag Deutschland 2012 auf Platz zehn der EU-Staaten, auch 2013 – so ist nach der statistischen Auswertung zu erwarten – belegte Deutschland keinen Spitzenplatz«. Die größte Gruppe unter den Asylsuchenden in Deutschland sind übrigens derzeit Flüchtlinge aus der von Elsässer so glorifizierten Russischen Föderation (rund 14.900 Asylanträge im Jahr 2013). Sie kommen fast ausnahmslos aus dem Nordkaukasus, vor allem aus Tschetschenien. Wahrscheinlich ziehen viele von diesen Asylsuchenden es vor in der »nicht souveränen US-amerikanischen Militärkolonie Deutschland« (Zitat Elsässer) zu leben als den Menschenrechtsverletzungen in Russland ausgesetzt zu sein.

Die meisten Asylsuchenden fliehen vor Krieg, Verfolgung und existenziellen Bedrohungen. Niemand setzt ohne große Not sein Leben aufs Spiel und riskiert freiwillig ein Schicksal wie das der Opfer des Flüchtlingsdramas vor Lampedusa zu erleiden. Siehe zu diesem Thema auch die empfehlenswerte Broschüre zur Hetze gegen Flüchtlinge der Amadeu Antonio Stiftung.

Gewaltbereite Hooligans als »patriotische Antifa«

Elsässer behauptet ebenfalls, dass Asylbewerber Terrorismus importieren würden. Bisher kamen in Deutschland allerdings »nur« zwei Menschen bei einem terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund ums Leben. Wobei zwei Tote natürlich schon schlimm genug sind, aber dagegen stehen 184 Opfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt seit 1990. Das bedeutet natürlich nicht, dass man die Gefahren die von militanten Salafisten und anderen religiösen Fanatikern ausgehen unterschätzen sollte! Wenn man sich allerdings die Mordserie der rechtsextremen Terrogruppe NSU vor Augen führt, dann ist es ein Hohn, wenn ein Elsässer im Hinblick auf die Gewaltexzesse der rechtsextremen Gruppe »Hooligans gegen Salafismus« (HoGeSa) auf seinem Blog schreibt, dass es ein großer Schritt sei, »dass die Hools sich nicht mehr hauptsächlich gegenseitig verkloppen, sondern gemeinsam etwas für Ihr Land tun wollen«, während er gleichzeitig vor »importiertem« Terrorismus durch Asylbewerber warnt.

Elsässer meint, dass es sich bei den HoGeSa-Ausschreitungen in Köln vom 26. Oktober um einen vorbildlichen »Akt der Selbstverteidigung« handeln würde. Das Ergebnis dieses »Aktes der Selbstverteidigung« waren 44 verletzte Polizeibeamte. Die MedienvertreterInnen, die teilweise von den Teilnehmern aggressiv und brutal angegriffen wurden, sind für Elsässer nur die »Pressemeute«. Der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei sprach von einer »neuen Qualität der Gewalt«. Auch der Politologe Richard Gebhardt sieht in der Politisierung der Hooligan-Szene ein Problem: »Es steckt eine große Dynamik drin. Die starke Politisierung einer Szene, die sich über Gewalt definiert, ist kein gutes Zeichen. Mein Eindruck ist, dass vor allem in Nordrhein-Westfalen die Hooligans gerade ihre Zurückhaltung aufgeben und sich mit Polemik, Aktionismus und Übergriffen auf andere wieder zurückmelden. Angesichts der Islam-Kritik, die die Bewegung Hogesa als Leitmotiv ausgerufen hat, würde ich sogar von einer Neu-Formierung sprechen. […] Alle 4000 Teilnehmer, die gestern in Köln waren, können eine Verbindung zur extremen Rechten nicht mehr abstreiten. Aber, und auch das ist wichtig: Nicht jeder Hooligan ist ein Neonazi. Wie fast überall gibt es Abstufungen, Zwischentöne. Weil sich Hooligans aber ständig im rechtsoffenen Milieu bewegen, sind sie für eine solche Mobilisierung anfällig«.¹

Elsässer behauptet: »Das ganze wäre also ein riesiger Erfolg geworden, wäre die Demo nicht nach ungefähr der Hälfte der Zeit in Gewalt umgekippt.« (Schreibfehler im original) Die Kentrail-Verschwörung resümiert dazu: »bedeutet also, dass er Hitlergrüße, Parolen wie „Ausländer raus!“, „Hier marschiert der nationale Widerstand“ und „Frei, sozial und national!“ sowie Auftritte von rechtsextremen Bands wie A3stus oder Kategorie C als vollen Erfolg feiert.
Liebend gerne würde er die HoGeSa-Hooligans auch als Redner für die am 9. November (Jahrestag des Hitlerputsches und der Reichspogromnacht) geplante „Demonstration für Frieden und Souveränität “ vorm Reichstag einladen.
Zu guter Letzt verlinkt er den Internetauftritt der rechtsextremen Partei Die Rechte (bekannt durch den Sturm auf das Dortmunder Rathaus und den Dortmunder Frontmann Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt), die auch zu der Demonstration aufgerufen und daran teilgenommen hat.
Auf seiner Facebook-Seite wird Elsässer für seine Solidarität mit den Teilnehmern der Demonstration jedenfalls gelobt und mit Kommentaren wie „Es war der organisierte Volkszorn (..) Ich würde mich freuen, wenn die Polizei auf die Fresse bekommen hätte“ oder „Ein guter und wichtiger Tag für Deutschland“ gefeiert. Man hat also was gegen ukrainische Neonazis, die deutschen jedoch feiert man. Ist das jetzt ausländerfeindlich oder einfach nur grottendumm?«

Die mit Abstand größte Zusammenkunft von Faschisten in Deutschland bezeichnet Elsässer desweiteren allen ernstes als »eine antifaschistische Demo«. Auf seinem Blog postet er dazu noch ein Bild von Putin im Kreis des ultranationalistischen russischen Motorcycle- und Rockerclubs Nachtwölfe, dessen Mitglieder »von Putin unterstützt und im Gegenzug politische Gegner einschüchtern, auf der Krim mitmischten und dafür von Elsässer als Freiheitskämpfer gegen rechts stilisiert werden«.²

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HoGeSa mobilisiert inzwischen auch für die »Friedensmahnwache« am 9. November vor dem Kanzleramt. Die Demonstration findet unter dem Motto »Frieden Jetzt!« statt und zählt zu den Veranstaltungen aus dem Dunstkreis der »Friedensbewegung 2014«. Auf einer Facebook-Seite der Veranstaltung heißt es, dass man auf polizeidienstlichen Widerstand mit »Waffengewalt oder anderen Mitteln« reagieren könnte. Vielsagend ist auch mit welchen rassistischen Parolen für die Demonstration mobilisiert wird. Die laut Lars Mährholz von Mario Rönsch betriebene Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv mobilisiert ebenfalls für diese Veranstaltung. Die Berliner Zeitung schreibt dazu: »Die Seite wirkt, als gehöre sie der Internet-Hackergruppe Anonymous. Tatsächlich wurde sie von einem ihrer Administratoren gekapert. Von dort wird seitdem völkische Propaganda verbreitet, etwa mit dem Video „Nachricht an die deutsche Bevölkerung“. Inhaltlich ist sie nicht weit entfernt von einer zweiten Kundgebung, die von sogenannten Reichsbürgern angemeldet ist. Reichsbürger – einige dieser Gruppen distanzieren sich vom Rechtsextremismus, andere dagegen nicht – eint der Glaube, dass die Bundesrepublik gar kein Staat sei, sondern eine GmbH, und dass das Deutsche Reich noch existiere«. Wenig überraschend schließt sich auch Anonymous.Kollektiv Elsässers Ansichten zur HoGeSa an.

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»Hilfe, die Roma kommen«

Jürgen Elsässer ist in der Vergangenheit bereits durch fremdenfeindliche Hetze aufgefallen. So schrieb er in seinem Artikel »Hilfe, die Roma kommen« von einer »Masseneinwanderung« und einer »zerstörerischen Armutsimmigration«. Dabei unterschlägt er freilich, dass die betreffenden Menschen aus Rumänien und Bulgarien aufgrund der eingeschränkten Arbeitnehmerfreizügigkeit gezwungen sind als Selbstständige unter prekärsten Bedingungen zu arbeiten. »Sie sind Opfer von Lohndumping, genießen keinerlei arbeitsrechtlichen Schutz und auch keine Absicherung durch Sozialversicherungen. Profiteur ist dabei einzig und allein die deutsche Wirtschaft, die im Sinne der Profitmaximierung massiv Gebrauch von dieser Möglichkeit zur Prekarisierung und Ausbeutung macht.«³ Da drängt sich natürlich die Frage auf: Wer schmarotzt hier eigentlich von wem?

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Elsässer behauptet weiter: »Die zerstörerische Armutsimmigration in unsere Sozialsysteme können wir nur stoppen, wenn wir aus der EU AUSTRETEN. Denn die EU zwingt die Mitgliedsländer, die Grenzen offenzuhalten für Einwanderer aus der Rest-EU. Und ab 1. Januar 2014 wird alles nochmal schlimmer: Dann fallen die letzten Barrieren für Rumänen und Bulgaren und sie erhalten nicht nur Niederlassungsfreiheit, kostenlose Schul- und Medizinversorgung in Deutschland – sondern auch den vollen Zugang zu unseren Sozialsystemen. Darum: Rette sich wer kann –  raus aus der EU!« Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht falsch. »Die Behauptung von der so genannten „Armutszuwanderung“ aus Rumänien und Bulgarien in das deutsche Sozialsystem ist inzwischen mehrfach widerlegt worden. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit waren zur Jahresmitte 2013 nur je 0,3 Prozent der Hartz-IV-Bezieher Bulgaren oder Rumänen. Ihre Arbeitslosenquote lag unter dem Schnitt der Gesamtbevölkerung«. Desweiteren hat die Bundesregierung dieses Jahr eine Asylrechtsreform beschlossen welche Serbien, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien sowie Bosnien und Herzegowina als sichere Herkunftsstaaten klassifiziert. Gut ein Fünftel der bislang 115 000 Asylanträge in Deutschland stammt 2014 von Bürgern Serbiens, Mazedoniens und Bosnien-Herzegowinas. Fast alle sind Roma, ihre Anerkennungsrate tendiert gegen null. Mit der Gesetzesänderung über sichere Herkunftsländer können sie nun auch generell abgewiesen werden.

Zeigt den rechtsextremen, Reichsbürgern und Salafisten die rote Karte

Am 15. November will die HoGeSa in Hamburg aufmarschieren. Außerdem findet am 9. November die Reichsbürger-Demo »Frieden Jetzt!« statt, für die ebenfalls u.a. von der HoGeSa mobilisiert wird. Für beide Veranstaltungen sind Gegenkundgebungen angekündigt.

Weitere Informationen dazu findet ihr hier:

https://www.facebook.com/pages/No-HogeSa/565980706841131/

https://www.facebook.com/events/1512702768976106/

Mehr Informationen

Link: Die Kentrail-Verschwörung Text 1

Link: Die Kentrail-Verschwörung Text 2

Link: Die Kentrail-Verschwörung Text 3

Link: Nach eskalierter Demo in Köln: Hooligans rüsten für 9. November in Berlin

Link: Hooligans vs. Salafisten: Krawalle in Köln

Quellennachweise

Link: Elsässer Text 1

Link: Elsässer Text 2

Link: Elsässer Text 3

Link: Elsässer Text 4

Link: Anonymous-Kollektiv

¹ http://www.zeit.de/sport/2014-10/hooligans-koeln-polizei-salafisten

² https://www.facebook.com/kentrails/photos/pb.423917567753019.-2207520000.1414448356./534686926676082/

³ http://www.amaroforo.de/friedrich-es-reicht-schluss-mit-der-rassistischen-hetze-0

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/broschuere_pro_contra_internet.pdf

Die »Infokrieger« und ihre Wahrheitsprediger

Thaddäus Troll hat mal gesagt, dass Propaganda ein hartnäckiger Versuch sei, andere Menschen glauben zu machen, was man selbst nicht glaubt. Demagogen wie Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer verstehen es dabei ausgezeichnet auf dem Klavier der sozialen Netzwerke zu spielen. Behilflich ist ihnen dabei u.a. die Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv. Dort wird fleißig für die Montagsmahnwachen geworben, gegen alles gehetzt was irgendwie links ist und reaktionäre Propaganda bis zum Erbrechen verbeitet. Diese Wahrheitsprediger verkaufen so ihre Wahrheiten als der Weisheit letzter Schluss und diskreditieren alles und jeden der anderer Meinung ist. Dass Ken Jebsen beispielsweise wegen eines harmlosen Witzes indirekt zu einem Shitstorm auf Christian Ulmen aufgerufen hat oder Anonymous.Kollektiv in der Vergangenheit kritische Journalisten öffentlich an den Pranger gestellt hat, ist dabei eher die Regel denn die Ausnahme. Die Jünger der Wahrheitsprediger lassen sich natürlich nicht lange bitten und folgen den Rufen ihrer Leitfiguren, wenn mal wieder zum Shitstorm gegen bestimmte Medien oder kritische Einzelpersonen aufgerufen wird.

Ein Merkmal der sog. „Wahrheitsbewegung“ ist, dass man alles als Desinformation ablehnt was irgendwie von etablierten Medien, Politikern oder Wissenschaft kommt – jedenfalls wenn es dem eigenen Weltbild widerspricht – aber sich gleichzeitig von irgendwelchen Verschwörungsgurus abhängig macht. Außerdem schottet man sich sektiererisch gegen alles was das eigene Weltbild infragestellen könnte ab. Jeder Kritiker könnte schließlich ein Desinformationsagent einer dunklen Macht sein, der den Gläubigen vom Pfad der Wahrheit abbrignen möchte.

»Da sie sich im Besitz der Wahrheit wähnen, sind sie Kritik und kontroverser Diskussion nicht zugänglich. Kritiker werden als Systemknechte und bezahlte Schreiberlinge denunziert und mit äußerster Aggressivität persönlich angegriffen. Allgemein anerkannte Informations- und Wissensquellen werden als „Mainstream“ abqualifiziert und der Lüge und Manipulation verdächtigt; als akzeptable Informationsquellen gelten in erster Linie die Internetseiten aus dem Umfeld der Bewegung; einschlägige Links gelten als Beweise; durch ständiges gegenseitiges Zitieren und Verlinken entsteht ein endloser selbstreferentieller Kreislauf.«

Quelle: http://antifaschismus2.de/rechte-strategien/kultur/161-wie-faschistisch-sind-die-infokrieger

Selbstverständlich sollte man auch die Medien und Politik kritisch hinterfragen, aber das kann nicht bedeuten, dass man das eigene Gehirn am Hutständer abgibt und alles blind glaubt was irgendwelche Wahrheitsapologeten im Internet verbreiten. »Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben« (André Gide).

Die ideologische Ausschlachtung der Ukraine-Krise

Auf die Idee auch mal ihre eigenen Leitfiguren zu hinterfragen, kommen die selbsternannten „Freigeister“ und „Erwachten“ leider nicht. Ansonsten könnten sie ja beispielweise mal bei Jürgen Elsässer nachfragen, wieso er zwar den Faschismus in der Ukraine kritisiert aber gleichzeitig dem nationalbolschewistischen Ideologen Alexander Dugin sehr zugetan ist.

Der Ukraine-Konflikt ist auch deswegen interessant, weil es ein Propagandakrieg ist, der hauptsächlich über die neuen Medien ausgefochten wird. Es ist natürlich berechtigt die teilweise sehr einseitige Berichterstattung der westlichen Medien zu hinterfragen. Der russischen Seite hingegen scheint man alles blind abzukaufen, auch wenn es sich um so absurde Behauptungen wie die handelt, dass ukrainische Soldaten die Leichen ihrer ermordeten Widersacher verzehren würden. Dass von russischer Seite auch mittels Diffamation gezielt Hetze gegen Kritiker im Ausland gemacht wird, scheint ebenfalls nicht problematisiert zu werden.

Jüngstes Beispiel Olga Wieber:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/angeblicher-organhandel-russische-propaganda-gegen-deutsch-ukrainerin-a-980304.html

Warum man zwar die westlichen Medien kritisch hinterfragt bzw. komplett ablehnt aber der russischen Seite alles blind glaubt, scheint wohl auch ein Ergebnis der ideologischen Leitlinie der Wahrheitsprediger wie Jürgen Elsässer oder Christoph Hörstel zu sein.

Ein interessantes Interview mit dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz zum Thema Ukraine-Krise und Propagandakrieg:

http://youtu.be/23ye2p3pIbg

Abschließend kann man wohl nur noch Immanuel Kant zitieren:

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«

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Verschwörungstheorie und Mahnwachen

Verschwörungstheorien sind keine neue Erscheinung. Wahrscheinlich gibt es sie schon so lange, wie die Menschheit existiert.

Eine sehr alte und hartnäckige, ist die Legende von der Boshaftigkeit der Juden.

Untergangspropheten, Scharlatane und Quacksalber ziehen seit Jahrhunderten durch die Lande. Sie betrügen und verwirren die Leichtgläubigen. Auf Verschwörungstheorien fußten die Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

Im eigentlich aufgeklärten Zeitalter der allgemeinen Schulbildung verbreitet sich Verschwörungs-„Wissen“ massiv über Weiterlesen