Stephan Bartunek legt neue »Beweise« für die zionistisch-nationalsozialistische Verschwörung vor

Unter den selbsternannten Infokriegern und Truthern ist eigenständige Quellenrecherche eher verpönt. Das sieht man auch regelmäßig an den Reden und Internetplattformen der sog. Mahnwachen für den Frieden. Die Website Antifaschismus 2.0 hat es schön auf den Punkt gebracht: »Da sie sich im Besitz der Wahrheit wähnen, sind sie Kritik und kontroverser Diskussion nicht zugänglich. Kritiker werden als Systemknechte und bezahlte Schreiberlinge denunziert und mit äußerster Aggressivität persönlich angegriffen. Allgemein anerkannte Informations- und Wissensquellen werden als „Mainstream“ abqualifiziert und der Lüge und Manipulation verdächtigt; als akzeptable Informationsquellen gelten in erster Linie die Internetseiten aus dem Umfeld der Bewegung; einschlägige Links gelten als Beweise; durch ständiges gegenseitiges Zitieren und Verlinken entsteht ein endloser selbstreferentieller Kreislauf«.

Wir wissen nicht, ob Stephan Bartunek (Mahnwache Wien / Gruppe 42) sich selbst als Infokrieger oder Truther bezeichnen würde. Seine Quellenrecherche ist jedenfalls problematisch bis mangelhaft, wie wir bereits an anderer Stelle festgestellt haben (siehe hier, hier und hier).

Bartunek will mal wieder einen vermeintlichen Beweis dafür gefunden haben, dass die Zionisten in Wirklichkeit Verbündete der Nazis waren und die ganze Welt über diese sinistre Verschwörung getäuscht wird. Auch in diesem Fall verwundern uns Bartuneks Belege außerordentlich. Er möchte wohl andeuten, dass eine Nazi-Flagge im Jahr 1933 – mitten in Jerusalem – ein Beleg dafür sei, dass die Zionisten mit den Nazis kolaboriert hätten.

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Leider lässt Bartunek auch in diesem Fall jedes elementare historische Grundlagenwissen vermissen. Im Jahr 1933 gab es nämlich bekannterweise noch keinen Staat Israel. Die Region Palästina inkl. Cisjordanien und Transjordanien waren ab 1920 britisches Mandatsgebiet. Bis 1948 erstreckte sich das britische Völkerbundsmandat noch vom Jordan bis zum Mittelmeer. Auf dem Mandatsgebiet (in seinen Grenzen von 1920 bis 1923) entstanden später das heutige Israel und Jordanien, der Gazastreifen und das Westjordanland.

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Das Mandatsgebiet Palästina in den Grenzen von 1920 bis 1923 (einschließlich Cis- und Transjordaniens). Bild-Quelle: Wikipedia.

Das Hotel Fast gehörte auch keineswegs den pöhsen Zionisten (Bartuneks Lieblingsfeindbild), sondern Angehörigen der sog. Tempelgesellschaft – einer christlich-chiliastischen Religionsgemeinschaft, die ihren Ursprung um 1850 im Königreich Württemberg hat. In den 1930er Jahren diente das Hotel Fast als Konsulat von Nazi-Deutschland (daher auch die Hakenkreuz-Fahne). Das änderte sich allerdings mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Familie Fast (wie auch ein Großteil der deutschstämmigen Tempelgesellschaft), wurden von den Briten in einem Lager in Galiläa inhaftiert und später des Landes verwiesen.

Inwiefern soll also eine Hakenkreuzflagge auf einem Konsulat Nazi-Deutschlands im britischen Mandatsgebiet ein Beleg dafür sein, dass die Zionisten mit den Nazis kollaboriert hätten? Und inwiefern soll das unser Weltbild erschüttern? Die Antworten auf diese Fragen lässt Bartunek leider mal wieder bisher missen.

Unser Tipp an Stephan Bartunek: Selbstständig Quellen prüfen statt alles blind zu glauben, solange es nur dem eigenen verschrobenen Weltbild entspricht.

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Stephan Bartunek und die »Antisemitismuskeule«

Stephan Bartunek (Mahnwache Wien) baut sich mal wieder ein paar argumentative Pappkameraden auf, auf die er nach bester Gish-Galopp-Manier genüsslich einprügelt. Laut Bartunek sind Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, offensichtlich automatisch Rassisten, islamfeindlich und dazu noch bedingungslose Befürworter der Politik der israelischen Regierung.

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Jeder Mensch sollte bei gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit seine Stimme erheben und das ganz unabhängig davon, um welche Gruppe es sich dabei handelt. Studien haben gezeigt, dass verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit miteinander korrelieren. Empirisch ist es sehr selten, dass jemand nur antisemitisch ist und ansonsten sehr tolerant, sondern im Durchschnitt haben Menschen mit antisemitischen Einstellungen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch fremdenfeindliche Einstellungen und werten interessanterweise auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Muslime, Frauen, homosexuelle Menschen etc. ab. Siehe zu diesem Thema auch den sehr empfehlenswerten Vortrag von Beate Küpper.

Wer sich mit Flüchtlingen solidarisch zeigt, dem kann natürlich auch nicht die israelische Flüchtlingspolitik egal sein. Allerdings engagiert man sich als Deutscher oder Europäer natürlich in erster Linie gegen die skandalöse Flüchtlingspolitik der eigenen Regierung. Doch für Bartunek und Konsorten scheint »Israel-Kritik« und der Kampf gegen vermeintlich »antideutsche Umtriebe« zu einem ihrer leidenschaftlichsten Hobbys geworden zu sein.

Wahrscheinlich möchte Bartunek mal wieder implizieren, dass es sich bei Menschen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, ausschließlich um sog. »Antideutsche« handeln würde (siehe dazu auch hier, hier und hier). Natürlich gibt es Menschen, die sich der aus der radikalen Linken hervorgegangenen antideutschen Strömung zuschreiben. Mittlerweile wird der Begriff »antideutsch« allerdings als despektierliche Fremdzuschreibung  für jeden verwendet, der sich kritisch mit Antisemitismus und Verschwörungsideologien auseinandersetzt. »Das Feindbild „Antideutsche“ richtet sich […] gegen vermeintliche vaterlandslose Gesellen, Kriegstreiber im Dienst fremder Mächte, Chaoten und Unruhestifter sowie Handlanger jüdischer Vorherrschaft: lauter klassische antisemitische Klischees«. Siehe hierzu auch den lesenswerten Artikel Was heißt „antideutsch“?.

Außerdem scheint Bartunek die Meinung zu vertreten, dass »Weißdeutsche« [sic] kein Recht hätten, Antisemitismus anzuklagen bzw. Antisemiten zu kritisieren. Ähnlich hat sich auch Pedram Shahyar in seinem Video an das Zentrum für Politische Schönheit geäußert. Dieses Argument ist so sinnlos wie geschichtsvergessen. Denn es sind gerade die grauenhaften Lehren der NS-Barbarei, die uns heute dazu ermahnen, antisemitisches Gedankengut aktiv zu bekämpfen.

Bartunek spielt des Weiteren permanent darauf an, dass man Israel angeblich nicht kritisieren könne ohne als Antisemit bezeichnet zu werden. Stefan Bentele Blanco (Autor beim Wichtel-Blog Spülgel an der Lein) sieht das natürlich genauso. Lustigerweise scheinen diese Leute in ihrer selektiven Wahrnehmung überhaupt nicht zu realisieren, dass sie sich durch den Verweis auf die pöhsen Mainstreammedien selbst ad absurdum führen. Ein israelkritischer Beitrag der »Lügenpresse« soll die vermeintliche Tatsache bekräftigen, dass man in Deutschland nicht Israel kritisieren dürfe ohne als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Finde den Fehler!

Dazu ein Zitat der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel aus ihrem Buch Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert:

»In diesem Zusammenhang ergeben sich zwei Fragen, die seit einigen Jahren fast turnusmäßig immer wieder (auch in den Massenmedien, die hier zum Teil in Bezug auf kritische Reflexion und Aufklärungsfunktion versagen) aufs Neue gestellt werden: erstens, ob Kritik an Israel bzw. israelischer Politik prinzipiell und per se als judenfeindlich oder zumindest brisant eingestuft werden muss, und zweitens, wann eine israel-kritische Äußerung in Wahrheit nur eine verschleierte Form von Antisemitismus ist. Die erste, im öffentlichen Diskussionsraum bereits unzählige Male gestellte Frage, die eigentlich völlig überflüssig ist, da sie längst schon beantwortet wurde und durch die Kommunikationspraxis widerlegt ist, lässt sich einfach, unzweideutig und ohne jede weitere Erläuterung beantworten: Selbstverständlich ist (auch eine unter Umständen sehr scharfe) Kritik an bestimmten Entscheidungen israelischer Regierungsvertreter oder extremer nationalistischer Gruppierungen im Land oder Aktionen der israelischen Militärs kein Antisemitismus, sondern legitimer Ausdruck von politischer Auseinandersetzung und problemorientierter Kommunikation. Entsprechend gibt es, wie bei jedem anderen Land der Erde auch, Vieles, was aus der Innen- und Außenperspektive kritisch angesprochen wird. Dies geschieht kontinuierlich in allen deutschen (und westlichen) Massenmedien, insbesondere in Bezug auf den noch nicht gelösten Konflikt mit den Palästinensern, und bislang ist auch noch nie einem seriösen Kritiker israelischer Siedlungspolitik oder Militäraktionen vorgeworfen worden, es handele sich bei seinen Äußerungen um Antisemitismus. Dieser Vorwurf wird immer dann erhoben, wenn es sich um antiisraelische Äußerungen handelt, die antisemitischen Stereotype vermitteln und/oder Brachialverbalismen enthalten, die faktisch falschen Informationen vermitteln und/oder das Potenzial haben, eine judenfeindliche Stimmung zu erzeugen. Doch hält sich hartnäckig, fast obsessiv, trotz der andersgearteten Realität und aller faktischen Widerlegungen, das Klischee, Kritik an Israel sei in Deutschland aufgrund der NS-Geschichte ein Tabu […]. Die Behauptung, es gebe ein Kritiktabu, bedient dabei selbst ein tradiertes judeophobes Klischee, das seit dem 19. Jahrhundert existiert und auf der Konzeptualisierung basiert, es gebe eine jüdisch bestimmte Presse, die in Deutschland den Ton angibt. Seine Artikulation stützt somit die verschwörungstheoretisch determinierte Position der Sprachproduzenten, die sich zugleich als Verfechter der Meinungsfreiheit generieren können. […] Dass (sogar im Gegenteil) kein Staat der Welt so unverhältnismäßig oft und heftig kritisiert wird wie Israel, wird […] ignoriert oder geleugnet. Auffällig und signifikant ist in diesem Zusammenhang, dass dieses angebliche Meinungsdiktat stets nur von Personen unterstellt wird, deren Äußerungen nicht als israel-kritisch, sondern als verbal-antisemitisch einzustufen sind.

[…]

Vgl. etwa Schlagzeilen wie „Darf man Israel kritisieren?“ oder „Wie viel Kritik an Israel ist Deutschen erlaubt?“ sowie diverse ähnliche Varianten, die in Printmedien, Rundfunk- Fernsehsendungen regelmäßig benutzt werden. Solche Sprachstrukturen unterstellen aufgrund ihrer semantischen Information, es gebe ein Meinungsdiktat und eine Tabuisierung. Dadurch wird de facto etwas nicht Existierendes sprachlich geradezu heraufbeschworen. Ähnlich verhält es sich mit der Metapher „Antisemitismuskeule“, die impliziert, Israel-Kritikern würde stets der Antisemitismusvorwurf gemacht, obgleich der Vorwurf immer nur dann erhoben wird, wenn tatsächlich eine antisemitische Äußerung produziert wurde. Fragen und Behauptungen dieser Art werden keineswegs aus naiver Dummheit oder Unkenntnis geäußert, vielmehr dienen sie den Medien als populistische Aufmerksamkeitsverstärker. Antisemiten inszenieren ihre Kritik an Israel dagegen kalkuliert als Tabubruch, um sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus immun zu machen. Die Kritik dient so der Ablenkung von ihrer judenfeindlichen Einstellung und zugleich der Delegitimierung ihrer Kritiker.«

Quelle: Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

Die »jüdischen Kronzeugen« des Antizionismus

Es gibt im Judentum ultraorthodoxe Strömungen, die den Staat Israel bzw. den Zionismus aus religiösen Gründen absolut ablehnend gegenüberstehen und gar als einen Frevel gegen ihre Religion ansehen. Sie glauben, dass erst wenn der Messias wieder auf Erden ist, dieser den Staat Israel ausrufen darf. Ein Beispiel dafür ist Neturei Karta mit weltweit 5000 – 8000 Anhängern. Neturei Karta ist vor allem wegen ihrer Teilnahme auf der Holocaustleugner-Konferenz im Iran in die Kritik geraten. Homosexualität, die gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und andere liberale Werte innerhalb der israelischen Gesellschaft, lehnt Neturei Karta genauso wie den Staat Israel selbst ab. Bei dem bekanntesten deutschen Vertreter Neturei Kartas dürfte es sich um Reuven Jisroel Cabelman handeln. Der Konvertit Cabelman wurde ob seiner israelfeindlichen Haltung von Hendry M. Broder als »Kostümjude« bezeichnet. Neturei Karta im Allgemeinen und Cabelman im Besonderen scheinen für Antisemiten aller Couleur eine strategische Alibifunktion zu erfüllen, um den Staat Israel delegitimieren zu können ohne sich durch diese »jüdischen Kronzeugen« allzu offensichtlich als Antisemiten zu entlarven. Daher ist es auch kein Wunder, dass Cabelman diese Funktion auch in diversen einschlägigen Facebook-Gruppen gerne einnimmt.

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Auch auf Querfront-Seiten wie Stephan Steins »Roter Fahne« (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen KPD-Zeitung) ist Cabelman ein beliebter Gastautor und auch auf Jürgen Meyers Querfront-Blog »Internetz Zeitung« wird er gerne herangezogen. Dass Cabelman als Jude dem Staat Israel die Existenzberechtigung abspricht, dürfte wohl der einzige Grund sein, wieso er in diesen pseudolinken Kreisen sehr beliebt ist. Was Cabelman nämlich ansonsten von Kommunismus oder Homosexualität hält, durfte man im Jahr 2013 bei seiner Rede auf dem al-Quds-Tag in Berlin erleben. Dort sagte er: »Der Kommunismus ist im Ganzen immer nichts anderes gewesen als total antisemitisch und judenfeindlich! […] Die bunte Regenbogenfahne die dort gehalten wird, ist direkt gegen das jüdische Volk, die Tora und gegen alles was dem jüdischen Volk heilig ist gerichtet. […] Die Tora verbietet die Legalisierung von Homosexualität«. Die Website JewWiki kritisiert des Weiteren Cabelmans Kontakte zum rechtsextremen Publizisten Manuel Ochsenreiter. Selbst das »Palästina Portal« distanziert sich scharf von ihm.

Wie steht Neturei Karta zum Thema Antisemitismus? Auch das konnte man auf dem diesjährigen al-Quds-Tag in Berlin mal wieder erleben. Die Berliner Zeitung schreibt: »Wie die Berliner Zeitung berichtete, rief ein Sprecher aus Jemen vom Lautsprecherwagen über das Mikrofon in arabischer Sprache „Tod Amerika, Tod Israel, verflucht seien die Juden und Sieg dem Islam“. Die Versammlungsbehörde hatte solche Sprüche, sowie Abwandlungen davon, untersagt. Ein entsprechender Auflagenbescheid war zuvor an die Demonstrationsveranstalter ergangen.« Weiter heißt es: »Die Vertreter der ultraorthodoxen jüdischen Gruppierung Neturei Karta, die regelmäßig an der Al-Quds-Demo teilnehmen, störten sich offensichtlich nicht an diesen Sprüchen. Neturei Karta fordert ebenfalls die Auflösung Israels, weil es ihrer Meinung nach nicht das Reich Gottes, sondern von Menschen gemacht ist.«

Siehe zu diesem Thema auch:

Antizionistische Juden: Die »jüdischen Kronzeugen«

http://lizaswelt.net/2006/12/16/mehr-als-nur-ein-kronzeuge/

„Neturei Karta“ – Der Antisemiten liebste Juden

http://eisberg.blogsport.de/2007/04/27/neturei-karta-der-antisemiten-liebste-juden/

Fünf Rabbiner der Neturei-Karta-Bewegung haben an der „Holocaust-Konferenz“ in Teheran teilgenommen

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/6922

Antizionismus

https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/lexikon/a/antizionismus

Antizionistischer Antisemitismus

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37954/antizionistischer-antisemitismus

Stephan Bartunek und die »Bourgeoisie von Auschwitz«

In der Facebook-Gruppe »Bourgeoisie von Auschwitz« wird einiges an strafbaren Inhalten gepostet, z.B. unter Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole oder nach einem neueren Urteil ebenfalls strafbare codifiziert-antisemitische Volskverhetzung. Wir haben uns bereits in unserem letzten Artikel mit dieser Gruppe beschäftigt. Bemerkenswert ist, dass diese Gruppe von Leuten aus dem Mahnwachen-Umfeld betrieben wird, die sich wie Stephan Bartunek oder Melchior-Christoph von Brincken als Linke bezeichnen.  Wir wollen uns im Folgenden einmal nährer mit den Argumenten Bartuneks und Brinckens auseinandersetzen.

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Unbestreitbar ist die Tatsache, dass US-Unternehmen lukrative Geschäftsbeziehungen mit den Nazis unterhalten haben. Industrielle wie Prescott Bush oder der Antisemit Henry Ford haben zweifelsohne durch ihre Geschäfte mit Hitler-Deutschland profitiert. Falsch ist hingegen die Annahme, dass es sich bei Hitler um ein kleines Rädchen, einen Befehlsempfänger oder gekauften Agenten US-amerikanischer Industrieller gehandelt hätte. Die Finanzierung allein – egal von wem – hat nicht ausgereicht, um Hitler zum Diktator zu machen. Es waren keineswegs amerikanische Industrielle, sondern vielmehr deutschnationale Politiker, die Hitler geholfen haben, sich zum Diktator aufzuschwingen. Aber wenn es nicht die pöhsen Amerikaner waren dann, war Hitler doch gewiss ein Spielball der (für Verschwörungstheoretiker natürlich FED-gesteuerten) deutschen Großindustrie, könnte manch einer meinen. Hans-Ulrich Wehler gilt als einer der einflussreichsten deutschen Historiker und resümiert über die Mär von Hitler als der Marionette einer „Hochfinanz“: »Das Ammenmärchen, dass sie sich Hitler und seine Schergen gekauft hätten, ist zwar endgültig widerlegt. Doch kann man sie mitnichten von dem gravierenden Vorwurf freisprechen, alles nur Mögliche zur Zerstörung der Republik beigetragen zu haben«. Ähnlich eindeutig urteilt der Faschismusforscher Hans-Ulrich Thamer: »Auf keinen Fall kann die Dynamik der nationalsozialistischen Glaubens- und Protestbewegung mit materiellen Unterstützungen der Großindustrie erklärt werden. Die Finanzierung der gewaltigen Propagandakampagnen der NSDAP erfolgte in erster Linie durch die Mitglieder und ihre Beiträge sowie durch Eintrittsgelder, dann durch Hilfe von Sympathisanten vor allem mit kleineren und mittleren Betrieben. Es liegen keine Belege für eine kontinuierliche finanzielle Förderung der NSDAP durch die Großindustrie vor. Zudem war das Verhalten der Großindustrie gegenüber der NSDAP und Hitlers Regierungsbeteiligung 1932/33 sehr uneinheitlich; nur eine kleine Fraktion unterstützte Hitler. Wichtiger war die Rolle der Großwirtschaft und anderer traditioneller Machteliten bei der Zerstörung der parlamentarischen Demokratie zugunsten einer autoritären Staatsform, die sich am Ende vor dem Ansturm der NSDAP nicht behaupten konnte«. Auch der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze kommt zu dem Schluss: »Nach dem Ersten Weltkrieg war die Unternehmerlobby stark genug gewesen, um die revolutionären Impulse der Jahre 1918 und 1919 eindämmen zu können. Nun, in der tiefsten Krise des Kapitalismus, fehlte dem deutschen Unternehmertum schlicht die Macht, sich gegen einen Staatsinterventionismus zu wehren, der diesmal nicht von links, sondern von rechts drohte«.¹

Die Machtbasis der NSDAP fußte vor allem auf den antidemokratischen, extremistischen Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft. Die Nazis verstanden es große Teile der Mittelschicht für sich zu gewinnen. »In zahlreichen Reden sprachen die Nationalsozialisten genau das an, was viele Deutsche beschäftigte. Den Arbeitslosen versprachen sie Arbeit und Brot, den Bauern höhere Preise, den Militärs eine neue, große Armee, den Vertretern der Wirtschaft die Bekämpfung der Arbeiterbewegung, dem Mittelstand die besondere Berücksichtigung mittelständischer Interessen, den Nationalen das Ende der „Schmach von Versailles“, einen größeren „Lebensraum“ für das Deutsche Volk und die Bekämpfung der „Schuldigen“ (Juden). Den Frauen versprachen sie ein glückliches Leben als Hausfrau und Mutter, der Jugend eine große Zukunft. Die Mitgliederzahl zwischen 1925 und 1928 wuchs um 83000 auf insgesamt ca. 100000 Stimmen Ende 1928. Diese Zahlen beweisen […], dass viele Deutsche von dem Programm der NSDAP und somit auch von antisemitischen oder gewalttätigen Aktionen überzeugt waren.«² Der Politologe Jürgen Falter stellt fest, dass die Wählerschaft der NSDAP etwa zu 60 % der Mittel- und zu 40 % der Arbeiterschicht zuzuordnen sei und resümiert, die NSDAP sei »von der sozialen Zusammensetzung ihrer Wähler her am ehesten eine Volkspartei des Protestes, oder, wie man es wegen des nach wie vor überdurchschnittlichen, aber eher nicht erdrückenden Mittelschichtsanteils unter ihren Wählern in Anspielung auf die daraus resultierende statistische Verteilungskurve formulieren könnte, eine „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“.³

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Begriffe wie Zionazis oder Nationalzionisten und Bilder wie das vom KZ Auschwitz mit der Beschriftung »Gaza Ghetto Genocide« sollen eine Gleichsetzung Israels mit NS-Deutschland assoziieren. Das ist besonders perfide, wenn man bedenkt, dass Israel der Staat ist, der einem Großteil der Holocaustüberlebenden nach dem Grauen der Shoa eine neue Heimstätte geboten hat und von Holocaustüberlebenden mitaufgebaut wurde.

Die Unterstellung, dass die Zionisten die Nazis von heute wären, hört man in einschlägigen Kreisen immer wieder. Die Amadeu Antonio Stiftung schreibt dazu:

»Sich seiner historischen Verantwortung entledigen zu wollen ist in Deutschland ein weit verbreitetes Bestreben und so manch einer empfindet die Erinnerung an deutsche Verbrechen als lästige Einschränkung für den eigenen Nationalstolz. Wird der Holocaust auch nicht unbedingt direkt geleugnet, so wird dennoch von einigen versucht, Qualität und Quantität des deutschen Vernichtungsprogramms durch hinkende Vergleiche kleinzureden. Holocaustleugnung light, sozusagen.

Diese grassierende Vergleicheritis kennt viele Ausdrucksformen, ganz besonders verlockend ist aber scheinbar, ausgerechnet Jüdinnen und Juden zu unterstellen, sich wie Nazis zu verhalten. Slogans wie „Gestern Opfer, heute Täter“, gerne kombiniert mit dem Hinweis, die Opfer hätten nichts aus ihrer eigenen Geschichte gelernt, zielen auf die völlige moralische Entlastung Deutschlands ab. Wenn die Leidenden von damals heute genauso schlimm sind wie ihre damaligen Peiniger, dann ist man ja schließlich quitt, so die Logik. So kann man sich seiner historischen Verantwortung natürlich auch entledigen. Geschichtsrevisionismus auf Umwegen.«

Das bloße Austauschen des Wortes „Jude“ durch „Zionist“ ändert übrigens rein gar nichts daran, ob deine Aussagen antisemitisch sind oder nicht. Netter Versuch.«

NS-Vergleiche mit dem jüdischen Staat dienen in erster Linie einer Täter-Opfer-Umkehr. Die Antisemitismuforscherin Monika Schwarz-Friesel dazu: »Um das einseitige Aggressorbild Israels aufrechterhalten zu können, werden Referenzialisierungen konstruiert, die auf Falschaussagen basieren. Die Verfälschung von Fakten erfolgt durch Umkehrung, Auslassung oder Relativierung von Sachverhaltsinformationen. Auf diese Weise erzeugen die sprachlinchen Strukturen ein Feindbild Israel, das zwar mit der Realität nicht kompatibel ist, dafür aber exakt das repräsentiert, was dem judeophoben Weltbild entspricht und das damit genau die ihm zugewiesene Funktion erfüllt. […] Um das Ausmaß israelischer Gewalt verbal höchstmöglich zu potenzieren, werden mit NS-Vergleichen irreale Kontrastierungen etabliert. Sie konstituierten absolute Täter-Opfer-Oppositionen. […] Juden erscheinen so (in der Täter-Opfer-Umkehr) als Tätervolk. Neben ihrer diskreditierenden Funktion dienen diese unangemessenen Vergleiche stets auch der Schuldabrechnung.«

Die Täter-Opfer-Umkehr-Strategie – bzw. eine Analogie, welche die Militärschläge Israels mit dem Völkermord an den europäischen Juden gleichsetzt – dient zum einen einer Schuldabwehr- und Entlastungsdimension und zum anderen findet eine de-realisierende Relativierung des Holocaust statt. »Die Täter-Opfer-Umkehr ist ein zentraler Bestandteil des israelbezogenen Antisemitismus. Wie solch ein antisemitischer Diskurs in Gewalt umschlagen bzw. sie bedingen kann, zeigt der Blick auf die Israeldebatten der außerparlamentarischen Linken Ende der 60er Jahre […] Angesichts Zustimmungsraten von bis zu über 50% der deutschen Mehrheitsbevölkerung zu Aussagen, die die Politik Israels mit der des Nationalsozialismus auf eine Ebene stellt, wird deutlich, wie aktuell, wie wirkungsmächtig und breit verankert die Täter-Opfer-Umkehr bei Debatten über Israel derzeit ist. Israelbezogener Antisemitismus stellt eine akute Bedrohung der demokratischen Kultur, aber auch für die Unversehrtheit von Jüdinnen und Juden und alle dar, die als Repräsentanten oder Sympathisantinnen Israels wahrgenommen werden«.

Weiterhin soll mit dem Auschwitz-Bild und der Beschriftung »same Shit – new Slogan« eine Gleichsetzung des Völkermordes an den europäischen Juden mit der Palästinenserpolitik Israels suggeriert werden. Der logistisch von langer Hand geplante und industriell durchgeführte Völkermord an ca. 6 Millionen Jüdinnen und Juden ist aber ob der Dimension seiner Entstehung, Planung und Durchführung singulär. Der Historiker Yehuda Bauer etwa bezeichnete den Holocaust als einzigartige, vorher nie da gewesene Form eines Genozids »weil er zum Tod jedes Einzelnen mit drei oder vier jüdischen Großeltern führen sollte. Mit anderen Worten: Das Verbrechen dieser Menschen war, überhaupt geboren zu sein. […] Alle anderen Genozide, die es vor, während und nach dem NS-Regime gab, waren lokaler Natur, d. h., der Genozid ereignete sich innerhalb einer bestimmten geografischen Region. Im Falle des Holocaust hatte Deutschland jedoch jeden einzelnen Juden auf der ganzen Welt im Visier. Die NS-Ideologie war eine universale, globale und mörderische Ideologie. […] [Sie] wurzelte nicht in einem politischen, ökonomischen oder militärischen Pragmatismus. Sie gründete auf der puren Fantasie von einer jüdischen Verschwörung, die angeblich die ganze Welt beherrschte.«

Die Situation der Palästinenserinnen und Palästinener ist zweifelsohne schlimm bis katastrophal. Wenn man allerdings von einem Völkermord ausgeht, so würde es sich hierbei »um den ersten Völkermord in der Geschichte der Menschheit« handeln, »bei dem sich die betroffene Population um ein Vielfaches vermehrt hat, allein in Gaza von etwa 300 000 Menschen im Jahre 1967, dem Beginn der Besatzung, auf über 1,5 Millionen im Jahre 2005, als Israel den Küstenstreifen räumte.«

Veit Medick hat es in seinem in der taz erschienenen Artikel »Antisemitismus in der RAF« auf den Punkt gebracht: »Die RAF ist Geschichte. Nicht zuletzt ihr dürfte es aber zu verdanken sein, dass bei vielen die Verlockung nicht nachgelassen hat, den Nahen Osten durch das beschränkte Prisma der antiimperialistischen Perspektive zu betrachten. Überlebt hat die Obsession, den politischen Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn mit Nazifantasien anzuheizen. Der aus dieser Haltung resultierende Antizionismus beschränkt sich heutzutage jedoch mitnichten auf linksradikale Szenemilieus. Längst ist er salonfähig geworden und Teil jedweder „objektiven Bewertung“ der nahöstlichen Situation, kurz: Heute ist er in Kreisen wahrnehmbar, die des Terrorismus gänzlich unverdächtig sind. Es scheint sich dort der Glaube durchzusetzen, durch den Geschichtsunterricht gleichzeitig die Ausbildung zum Therapeuten genossen zu haben, und zwar für zwei Patienten: für das ehemalige Opfer, das selbst handgreiflich wird, und für sich selbst, den Täternachkommen, der nach Schuldstilllegung lechzt. […] Unzweifelhaft ist die Situation der Palästinenser katastrophal. Aber in Gaza oder im Westjordanland ein Großraum-KZ sehen zu wollen, zeugt von epochaler Geschichtsklitterung. Und ob diese den offensichtlichen Durst nach Selbstentlastung stillen kann, darf bezweifelt werden. Zudem schreibt man mit verzerrten historischen Assoziierungen und Gleichsetzungen den Palästinensern eine Realität vor, aus der heraus die Vision eines eigenen Staates schier unerreichbar erscheinen muss. Das gilt heute, das galt auch vor dreißig Jahren.

Interessant ist weiterhin, dass Brincken sich über die »Hetze gegen die Hamas« echauffiert. Ein Wort darüber, dass etwa die Vernichtung aller Juden in der Gründungscharta der Hamas verankert ist, verliert er nicht, während er Israel durch sein Auschwitz-Bild mit der Beschriftung »same Shit – new Slogan« quasi vorwirft einen Holocaust an den Palästinensern zu verüben.

Artikel 7 der Gründungscharta der Hamas erklärt das Töten von Juden – nicht nur von jüdischen Bürgern Israels oder Zionisten – zur unbedingten Pflicht jedes Muslims, indem sie sie zur Voraussetzung für das Kommen des Jüngsten Gerichts erklärt: »Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken und jeder Baum und Stein wird sagen: ‘Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!’« (Sahih Muslim Buch 41, Nummer 6981, zitiert in Artikel 7 der Hamas-Gründungscharta)

»Juden sind fremdartige Bakterien, sie sind Mikroben ohne Beispiel auf dieser Welt. Möge Gott das schmutzige Volk der Juden vernichten, denn sie haben keine Religion und kein Gewissen! Ich verurteile jeden, der glaubt, eine normale Beziehung mit Juden sei möglich, jeden, der sich mit Juden zusammensetzt, jeden, der glaubt, Juden seien Menschen! Juden sind keine Menschen, sie sind kein Volk. Sie haben keine Religion, kein Gewissen, keine moralischen Werte!« (stellvertretender Minister für religiöse Stiftungen der Hamas Abdallah Jarbu, am 28. Februar 2010)

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In einem YouTube-Video unterhalten sich Bartunek und Brincken über die Geschichte des Zionismus. Brincken erläutert: »Das Problem ist, dass es in jeder Ethnie einen Anteil von Psychopathen gibt […] und wenn die sich zusammenrotten, dann haben wir eben so etwas wie die Nazis oder diesen Zionismus […].« Bartunek ergänzt: »Das heißt ein paar wenige durchgedrehte  Typen schaffen es dann eine ganze Gemeinschaft in Geiselhaft zu nehmen.« Einige Minuten später lässt sich Bartunek zu der Aussage »Antizionismus ist Antifaschismus« hinreißen.

Brincken erklärt, dass der Zionismus vor der Machtergreifung der Nazis nur einen geringen Rückhalt unter den deutschen Juden hatte. Und damit hat er mal Recht. »Der Zionismus blieb […] Angelegenheit einer jüdischen Minderheit; von etwa 580.000 deutschen Juden gehörten 1932 nur 7500 einer zionistischen Organisation an. Die Mehrheit wollte in Europa bleiben und dort an der Verbesserung der sozialen und rechtlichen Lage für alle Bürger mitwirken.« Das änderte sich jedoch mit dem Grauen des Holocausts schlagartig. Um es mit  Gregor Gysi zu sagen: »Die gescheiterte politische Emanzipation der Jüdinnen und Juden in den europäischen Nationalstaaten und insbesondere der Holocaust haben das Projekt der Gründung eines jüdischen Nationalstaats zwingend erforderlich gemacht. Nach tausenden Jahren Ausgrenzung, Pogromen und dann der nationalsozialistischen Barbarei, das heißt der Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden, den Überlebenden des Holocaust zu empfehlen, nun doch auf die Emanzipation in anderen Nationalstaaten zu setzen, wäre wohl deutlich zu viel verlangt gewesen. Und so stellte sich das jüdische Nationalstaatsprojekt als alternativlos dar. Daraus resultiert auch die stabile Verantwortung für Israel. Alle modernen Nationen haben irgendwo einen antisemitischen Schandfleck in ihrer Geschichte. Aber der von den Deutschen durchgeführte Holocaust ist singulär. Die Grundannahme des Zionismus, wenn die Jüdinnen und Juden eine Staatsmacht haben wollen, die sie auch wirklich schützen soll, dann nur in ihrem eigenen Staat, ist nach dieser historischen Entwicklung kaum noch ernsthaft bestreitbar. Antizionismus kann für die Linke insgesamt, für die Partei DIE LINKE im Besonderen, keine vertretbare Position sein. Die Solidarität mit Israel sollte zugleich immer auch eine kritische sein.«

Brincken erläutert in dem Video weiter, dass die Nazis die Zionisten finanziert hätten und Bartunek ergänzt: »Also da gab es eine ganz klare Zusammenarbeit zwischen Nazis und Zionisten.« Richtig ist, dass die Zionistische Vereinigung für Deutschland mit dem nationalsozialistischem Regime das sog. Ha’avara-Abkommen ausgehandelt hat. Die Nationalsozialisten haben zahlungskräftigen Juden eine Ausreise nach Palästina gestattet. Die deutsche Seite erhoffte sich dadurch »den deutschen Export zu fördern, insbesondere den damals befürchteten internationalen Handelsboykott zu durchbrechen«. Selektiert wer das Ha’avara-Abkommen in Anspruch nehmen durfte haben also die Nazis und keineswegs – wie Brincken und Bartunek vielleicht suggerieren wollen – die zionistische Seite.

Aber kann man deswegen sagen, dass die Zionisten mit den Nazis kollaboriert haben? Alexander Schölsch, Professor für Politikwissenschaft und Geschichte des Nahen Ostens an der Universität Erlangen, schrieb dazu: »Jede Kritik an der Zusammenarbeit von Zionisten mit nationalsozialistischen Stellen im Rahmen des Haavara-Abkommens (und diese Kooperation war sowohl innerhalb der zionistischen Bewegung als auch innterhalb der jüdischen Gemeinschaften Europas und Amerikas heftig umstritten) kann an dem Grundtatbestand nicht vorbeigehen, dass es eine Aktion war, die bedrängten deutschen Juden eine Emigrationsmöglichkeit in einer Zeit schuf, als ihnen die Tore Westeuropas und Amerikas keineswegs offenstanden. Verfolgten die Zionisten dabei sinistre Ziele? Sie hätten sich selbst und ihre Ideologie verleugnen müssen, wenn sie nicht die Gelegenheit genutzt und möglichst viele Auswanderer nach Palästina geleitet hätten. Verkörperte der Zionismus eine verwerfliche Idee, dann war alles verwerflich, was seine Repräsentanten taten. Das Haavara-Abkommen als solches stellt die Zionisten aber nicht bloß. Die Beschuldigung, mit dem Abkommen seien “die Interessen der jüdischen Massen in Europa den politischen Ambitionen der Zionisten [geopfert worden]”, wäre nur dann zutreffend, wenn diese Abkommen die Emigration von Juden in andere Länder behindert oder die Situation der Juden in Deutschland verschlimmert hätte. Es waren doch nicht die Zionisten, denen es endlich gelang, die deutschen Juden von der Notwendigkeit der Emigration zu überzeugen, sondern es waren die Nazis, die sie zu dieser “Einsicht” zwangen. Nicht die Zionisten haben das nationalsozialistische Regime zu dem Entschluss gebracht, die Emigration zu forcieren; vielmehr bedienten sich die Nazis der Zionisten. Diese versuchten, die Emigration in der für sie günstigsten Weise zu gestalten – die gleichzeitig den Interessen der nationalsozialistischen Stellen entsprach. Wenn behauptet wird, “das Zögern der deutschen Juden, sich auf Geheiß des Zionismus zu entwurzeln, musste durch Überredung überwunden werden, die die Nazis gerne zu leisten bereit waren”, so ist dies eine bösartige Verkehrung von Ursache und Wirkung, die einer Entschuldigung der nationalsozialistischen Judenverfolgung gleichkommt, indem sie die Zionisten zu Initiatoren dieser “Entwurzelungspolitik” stempelt.«

Die Rote Ruhr Uni schreibt dazu ergänzend: »Auch in der Vergangenheit suchte sich das aggressive Bedürfnis nach Exkulpation zu befriedigen. So werden das Ha’avara-Abkommen, das 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland abgeschlossen wurde und gegen den Export deutscher Waren nach Palästina bis 1939 60.000 Juden die Ausreise ermöglichte, sowie Kontakte einiger rechtsextremer Zionisten zur SS (als diese noch die Auswanderung der Juden betrieb) dazu benutzt, ein “Komplott”, eine “Kollaboration”, eine “verbrecherische Allianz des Zionismus und des Nazismus” zu erfinden. Da scheint die Haganah fast zum Verursacher der NS-Judenpolitik zu werden, habe sie doch versucht, “die Mithilfe der SS bei der Beschleunigung der Austreibung der Juden zu gewinnen”. Erst entzogen sich die Zionisten schon durch feige Flucht der Verpflichtung, anstelle der versagenden deutschen Arbeiterbewegung den NS zu stürzen, dann brachten sie noch mit dem Ha’avara-Abkommen “jeglichen Versuch eines wirtschaftlichen Boykotts des Nazireichs zum Scheitern”! Selbst sind sie schuld, die Juden-Zionisten, hat doch “ihre Konspiration mit den Nazis … dazu beigetragen, das Nazi-Regime zu stärken und die Front des antifaschistischen Kampfes … zu schwächen”, hielten sie doch “den Faschismus im Sinne ihrer Pläne für wünschenswert …, der den Juden den Tod brachte”, womit die Zionisten “den Tod von vielen Tausenden von Juden durch Hitler auf dem Gewissen haben”. Die von den Antizionisten betriebene Verschiebung des NS nach Israel, die Rede von einer “ideologischen Verwandtschaft zwischen dem Antisemitismus des NS-Faschismus und dem Zionismus” bis hin zur obszönen Behauptung einer Mitschuld an der Vernichtung, leistet eine derart unverfrorene Verdrängung des NS, Exkulpation der deutschen Nation und Restituierung deutschen Nationalgefühls wie sie selbst Nolte et. al. weit von sich weisen würden: an jenem Staat, der allein durch seine Existenz die Erinnerung an Auschwitz nicht vergehen läßt und so dem Bedürfnis nach deutschem Nationalgefühl im Wege steht. “So sind sie uns perverserweise ähnlich geworden” stellen mit der späten Geburt begnadete deutsche Antizionisten fest, und die solch scheinheiligem Entsetzen stets auf den Fuß folgende Entdeckung der Palästinenser als die “Juden der Juden” bedeutet in seiner Konsequenz nicht nur Entschuldung, sondern Aufruf zu neuerlicher Gewalt – die Juden sollen nämlich bloß nicht glauben, “als hätten sie durch unsere Taten eine Art Mordbonus erhalten”. “Angesichts der zionistischen Greueltaten verblassen … die Nazigreuel” stellte der Grüne Kalender 1983 befriedigt fest und rief nicht nur dazu auf: “Kauft nicht bei Juden”, sondern fragte erwartungsvoll, “wann den Juden endlich ein Denkzettel verpaßt wird”.«

Siehe zu diesem Thema auch die Arbeit Zionismus und Antisemitismus im Dritten Reich von Francis R.  Nicosia.

Abschließend zwei Zitate von Monika Schwarz-Friesel und der Amadeu-Antonio-Stiftung:

»Nicht dass Kritik geübt wird, sondern wie diese argumentativ begründet und sprachlich formuliert wird, ist für diese Diskussion entscheidend. Wenn Israel als Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments dient und tradierte antijüdische Stereotype und Argumente benutzt werden, um den Staat Israel generell zu diskreditieren, wenn seine jüdischen Bürger kollektiv dämonisiert werden und seine Existenzberechtigung als jüdischer Staat in Frage gestellt wird, wenn ein irreales Feindbild von Israel konstruiert wird, dann liegt keine Israel-Kritik, sondern verbaler Antisemitismus in der Formvariante des Anti-Israelismus vor.«¹⁰

»In Debatten um Kritik an Israel wird immer wieder von „antisemitischer Israelkritik“ geredet. Dieser Begriff ist irreführend. Das Wort Kritik leitet sich vom griechischen Wort krínein ab. Es meint (unter-) scheiden, beurteilen. Im Antisemitismus wird jedoch nicht unterschieden oder beurteilt. Das Urteil steht stets schon vor Prüfung der Sachlage fest: Die Schuldigen sind immer „die Juden“ oder eben Israel als imaginierter „kollektiver Jude“. Entweder ist eine Äußerung kritisch oder antisemitisch – beides geht nicht.

Israel als „kollektiver Jude“?

Im Antisemitismus werden „den Juden“ seit jeher gewisse negative Eigenschaften zugeschrieben. Seit der Staatsgründung Israels werden diese häufig auch auf Israel projiziert. Im klassischen Antisemitismus gelten „die Juden“ häufig als Weltbrandstifter – verantwortlich für die beiden Weltkriege. Heute wird Israel vorgeworfen, den Weltfrieden zu bedrohen und den 3. Weltkrieg herbeiführen zu wollen. Auch die antisemitische Ritualmordlegende wird auf Israel übertragen. Israel wird vorgeworfen, die palästinensischen Gebiete u.a. nur deshalb zu besetzen, um gesunde Organe der Palästinenserinnen und Palästinenser für die eigene Bevölkerung zu rauben. Diese moderne Variante der Ritualmordlegende findet sich sowohl im islamisierten Antisemitismus, als auch in bürgerlichen europäischen Tageszeitungen. Wenn antisemitische Ressentiments auf Israel projiziert werden, handelt es sich um Antisemitismus. Oftmals wird entgegnet, dass dies nicht Antisemitismus sein könne, da nur über Israel eine Aussage getroffen werde und nicht über alle Jüdinnen und Juden. Sobald jedoch antisemitische Ressentiments auf Israel projiziert werden, dem Staat Israel „jüdische Eigenschaften“ zugeschrieben werden, wird Israel im Weltbild von Antisemitinnen und Antisemiten zum „kollektiven Juden“ stilisiert. Ist das der Fall, handelt es sich eindeutig um Antisemitismus. Kritik, auch harsche Kritik, an der israelischen Politik, die sich keiner antisemitischen Ressentiments bedient, ist jedoch kein Antisemitismus.«¹¹

Mehr Informationen zu diesem Thema

Der Antisemitismus der Mahnwachen-Protagonisten

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/der-antisemitismus-der-mahnwachen-protagonisten/

Antiamerikanismus als geschichtsrevisionistische Entlastungsargumentation

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/antiamerikanismus-als-geschichtsrevisionistische-entlastungsargumentation/

Israelbezogener Antisemitismus

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/israel-kritik-versus-anti-israelismus/

Zur Logik des deutschen Antizionismus

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zur-Logik-des-deutschen.html

Antizionismus

https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/service/lexikon/a/antizionismus

http://www.bpb.de/themen/TDNK0N,0,0,Antizionistischer_Antisemitismus.html

Das Dritte Reich, die zionistische Bewegung und der Palästina Konflikt

http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1982_4_3_schoelch.pdf

Antizionistischer Antisemitismus

http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37954/antizionistischer-antisemitismus

Robert Kurz: Krieg gegen die Juden – Warum sich die globale Öffentlichkeit in der ökonomischen Krise gegen Israel wendet

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=395

Antisemitismus in der RAF: Radikal antijüdisch

http://www.taz.de/!5193915/

USA-Bashing: „Amerikaner sind gefährlich und profitgierig“

http://www.cicero.de/weltbuehne/usa-bashing-die-amerikaner-sind-gefaehrlich-eigennuetzig-und-profitgierig/57118

Die Nebelgranaten der FED-Kritiker

https://www.sozialismus.info/2014/07/die-nebelgranaten-der-fed-kritikerinnen/

Dimitroff revisited: Orthodox-marxistische Faschismustheorien, die einseitig ökonomische Konstanten an den Nationalsozialismus anlegen, sind verkürzt

http://www.sopos.org/aufsaetze/426a9fc3c704d/1.phtml

Die politische Ökonomie des Antisemitismus

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=18

Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik

http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

Elmar Altvater: Eine andere Welt mit welchem Geld?

http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/altvater/altvater.pdf

Blinde Flecken der Kapitalismuskritik – Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung

http://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf

Fußnoten

¹ Friedensdemo-Watch

² http://www.grabbe-gymnasium.de/grabbe/analyse/hitler.php

³ https://de.wikipedia.org/wiki/Extremismus_der_Mitte

Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf

David Bankier (Hrsg.): Fragen zum Holocaust. Göttingen: Wallstein,  2006.

http://www.taz.de/!5193915/

http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1982_4_3_schoelch.pdf

http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zur-Logik-des-deutschen.html

¹⁰ Monika Schwarz-Friesel, Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, New York: de Gruyter, 2013.

¹¹ https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/aas-israelfeindschaft.pdf