Die Chemtrail-Entschwörung: Ein Appell zur Wirklichkeit

Anmerkung: Dieser Text wurde uns von einer Person, die in der Luftfahrtbranche beschäftigt ist, zugeschickt. Vielen Dank für das Recht auf Veröffentlichung.

Die folgende Abhandlung beschäftigt sich mit Argumentationsmustern von Verschwörungstheorien und deren psychologischen Mechanismen. Darüber hinaus soll aufgezeigt werden, wie ein unvernünftiges Gedankenkonstrukt alleine durch seinen logischen Aufbau entlarvt werden kann. Ich bin der Meinung, dass sich reale, greifbare Vorgänge niemals ausschließlich mit konspirativen Erklärungsmustern belegen lassen; dass dies vielmehr ein Anzeichen von unausgereiften oder fiktiven Dingen ist und sozusagen im Umkehrschluss die Unwahrheit der behaupteten Sache nahe gelegt werden kann. Anlass zu folgendem Text gab eine eigentlich gebildete Freundin, die in einem bekannten sozialen Netzwerk überraschenderweise auf sogenannte „Chemtrails“ zu sprechen kam, weswegen das Thema exemplarisch an der „Chemtrail-Verschwörung“ abgearbeitet wird. Aus einem Kommentar hierzu, den ich erst für mich behielt und in meiner Freizeit immer weiter ausbaute, erwuchs der Spaß am Schreiben und Recherchieren. Dies soll keine streng wissenschaftliche Arbeit sein, sondern ein Beleuchtungs- und Erklärungsversuch, der die immer wiederkehrenden Muster von Verschwörungstheorien zum Gegenstand hat. Als Quelle dienen öffentlich zugängliche Medien (dieselben, die auch die Anhänger der angesprochenen Theorien nutzen). Ziel des Textes ist nicht zuletzt, die Chemtrail-Verschwörung anhand von einfacher Logik (und mit begrenzten Hintergrundinformationen) als Ausgeburt der Fantasie zu entlarven. Fast wichtiger erscheint aber, dabei die „Natur“ von Verschwörungstheorien zu analysieren. Hierfür wird auch, aber nicht ausschließlich, auf von der Anhängerschaft der Theorie vorgebrachte „Beweise“ eingegangen.

Die Chemtrail-Verschwörung geht davon aus, dass durch kommerziell genutzte Verkehrsflugzeuge Chemikalien in die Atmosphäre ausgebracht werden, durch welche am Himmel stehende Kondensstreifen Zeugnis geben. Weder die genaue Durchführung noch deren Zielsetzung wird von Anhängern der Theorie einheitlich erklärt.

Um zu bewerten, ob über ein bestimmtes Thema die Wahrheit gesagt wird, ist detailliertes Wissen die beste Versicherung. Leider ist es nicht Möglich, zu allem und jedem Fachkompetent zu sein. Eine hilfreiche Alternative ist es aber, die Argumentationsstruktur zu analysieren. Werden bestimmte Dinge weggelassen oder bewusst vereinfacht? Wird Kritik akzeptiert oder nicht? Kann die Person glaubwürdig machen, woher sie ihre Informationen hat oder Qualifikationen nachweisen? Sind die Argumente sinnig, oder handelt es sich um einen Zirkelschluss?

Argumentationsmuster von Verschwörungstheoretikern sind unter anderem, aber nicht ausschließlich:

Wissenschaftliche Aspekte:

– Arbeiten mit Halbwahrheiten; Ausschließen von Kontext (Beispiel: Einzelbilder von Feuerlöschflugzeugen im Einsatz auf Chemtrail-Seiten).
– Ablehnung von Kritik (Beispiel: „Wer anderer Meinung ist, ist selbst manipuliert oder gehört zu den Verschwörern“).
– Doppelte Standards bei der Bewertung von Quellen (Beispiel: „Wenn ein Pilot im Fernsehen Chemtrails negiert, ist das gelogen. Wenn ein Pilot im Fernsehen Chemtrails zugibt, ist das ein Beweis“).
– Stets unseriöse oder keine Quellen (Kopp-Verlag, Alien-news, Youtube-Videos etc.). Quellen werden selten hinterfragt.
– Manipulierung von Quellen (Beispiel: selbsternannte „Piloten, Mediziner, Experten“ entpuppen sich als Scharlatane ohne Qualifikation).
– Selektive Wahrnehmung bei der Aufnahme von Informationen – Wechsel des Standpunktes, wenn es argumentativ Vorteilhaft erscheint (Beispiel: „Chemtrails werden über die Triebwerke ausgebracht. Bilder, auf denen Stoffe auf eindeutig andere Weise abgegeben werden, sind trotzdem ein Beweis für dieselbe Theorie“). Auf Widersprüche wird nicht eingegangen. Die Verschwörungstheorie ist stets unspezifiziert, es ist immer ein Ausweichen auf andere Gedankenmodelle möglich.

Zum Vergleich: Wissenschaftliches Arbeiten setzt Quellenangaben, Wiederhol- und Nachprüfbarkeit von Versuchen sowie Einbindung von widersprüchlichen Informationen voraus. Wird eine Theorie verfolgt, dann bleibt man dabei, bis sie entweder be- oder widerlegt ist. Der Zufluss von neuen Informationen führt dazu, dass der eigene Standpunkt überdacht wird. Damit haben wir in der Vorgehensweise der Verschwörungstheoretiker das Gegenteil von „Wissenschaft“ per Definition!

Psychologische Aspekte:

– Bedienen von Hoffnung, Instinkten und Angst (nicht von Logik und Vernunft).
– Entbindung von der Verantwortung des eigenen Handelns.
– Abschottung zur Realität. Unspezifische Verknüpfungen zu anderen Verschwörungstheorien möglich.

Aspekte über die Auswirkungen im Betrachter:

– Einfache Lösungen für komplexe Probleme.
– Die Lösung läuft darauf hinaus, bestimmte Menschengruppen zu benachteiligen. Viele Verschwörungstheorien führen auf lange Sicht in den Antisemitismus, da in der westlichen Hemisphere das Judentum seit jeher als Sündenbock festgesetzt ist.
– Unterteilung der Welt in Schwarz und Weiß.
– Die eigene Seite wird als die Sache aller Aufrichtigen dargestellt, das eigene Handeln als Alternativlos.

Der größte Feind der Konspiration ist das Fachwissen. Es ist eines der typischen Merkmale von Massenmanipulatoren, mit Halbwahrheiten zu arbeiten, die einen mehr oder weniger sichtbaren Bezug auf die Lebensrealität haben, deren exakte Erklärung aber Expertise voraussetzt. Anders gesagt: es wird ein tatsächliches Ereignis besprochen, aber mit einer gewagten Schlussfolgerung versehen. Der unbedarfte Rezipient kann beides bald nicht mehr auseinander halten. Deswegen finden sich unter den Anhängern vor allem solche ohne Vorbildung, während Experten mit den Augen rollen. Das Verschwörungstheorien so biegsam sind (aufgrund unbelastbarer Nachweise), dass jedem eine eigene Auslegung der Wirklichkeit erlaubt ist, ist ebenfalls ein nennenswerter Punkt. Im Falle der Chemtrailtheorie wären Kenntnisse der Meteorologie, Luftfahrt oder Physik das Fundament zur Aufklärung.

Kondensstreifen entstehen prinzipiell dadurch, das warme Motorenabgase in den extrem kalten Luftschichten der oberen Troposphäre kondensieren und das noch enthaltene Wasser, ausfällt (kalte Luft hält weniger Feuchtigkeit als warme Luft; hier spielen auch Sand/Staub/Abgaspartikel, die als Kondensationskerne fungieren, eine Rolle). Im Grunde produziert jede_r selbst „Kondensstreifen“, wenn man im Winter ausatmet. Schornsteine, Auspuffe, kochendes Wasser – vom Prinzip alles dasselbe. Kondensstreifen gibt es seit langem, auch unabhängig von Flugzeugantrieben (zum Beispiel an sehr schnellen Flugzeugen im Kurvenflug ( –> Abkühlung durch Druckabfall auf der Tragflächenoberseite)) und in anderen Zusammenhängen, ohne das je jemand etwas gesagt hat. Luftbildaufnahmen aus den 40er Jahren zeigen wilde Streifenmuster über London nach Luftkämpfen. Tatsächlich angedacht wurde die Möglichkeit der Wetterbeeinflussung im „Welsbach-Patent“ von 1991. Die Theorie der „Chemtrails“ kam vermutlich erstmals gegen 1996 als Reaktion auf ein Papier der USAF auf, das hierauf aufbauend die theoretische Möglichkeit von Wettermanipulation in ferner Zukunft zum Thema hatte. Dieser Ansatz wurde von Art Bell, einem Radiomoderator und anderen selbsternannten „Investigativen Journalisten“, die ihre Absatzzahlen durch reißerische Stories aufwerten wollten, verbreitet. In nächtlichen Radioshows, sozusagen den Vorläufern von „X-Faktor“, in denen auch von UFO’s und Telekinese die Rede war, wurde der Ansatz der Chemtrails zum ersten Mal vorgetragen und unter Gesichtspunkten der Unterhaltung bzw. Science-Fiction inhaltlich ausgearbeitet.

Am Anfang haben die Befürworter größtenteils behauptet, alle Kondenstreifen seien chemisch versetzt. Inzwischen ist – vermutlich als Reaktion auf die doch eindeutige Realität – allgemeiner Konsens, dass Kondensstreifen nicht in jedem Fall auch Chemikalien enthalten müssen und man die kontaminierten „Chemtrails“ am breiten Ausfächern oder an der langen Verweildauer am Himmel erkenne.

Ein Gegenbeweis: Schon im 2. Weltkrieg gab es diese „langen und haltbaren“ Streifen, die einfach mit den Verhältnissen der Luftschichten zu tun haben (Temperatur, Wind und Luftfeuchtigkeit, die sich auch mit Höhe und Wettersystemverlauf ändern). Bilder der Luftschlacht um England belegen, dass es beide Arten der Kondensstreifen schon immer gab, produziert von Menschen, die weder Platz für Chemikalientanks in ihren Flugzeugen noch das heutige Hintergrundwissen über die assoziierten Vorgänge in der Atmosphäre hatten.

Es haben sich aus den unterschiedlichsten Behauptungen drei „Haupttheorien“ entwickelt, mit denen das Ziel der Verschwörung erklärt werden soll:

1) Ausbringung von Chemikalien zur Beeinträchtigung der Landwirtschaft – Sicherstellung der Vorherrschaftsstellung von Konzernen wie Monsanto, die mit bereits heute patentierten, genmanipulierten Pflanzen die alleinige Vormachtsrolle der Zukunft beanspruchten.

2) Ausbringung von Chemikalien in die Ozonschicht, um dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken (Wettermanipulation im weitesten Sinne, aber auch Kriegsführung durch Umweltbeeinflußung).

3) Vergiftung der Bevölkerung im Interesse der Pharmaindustrie (in Kombination mit den ersten beiden, gerne auch mit esoterischen Ansätzen. Beispiel: „Modifikation der ganzen Atmosphäre, um Lebensbedingungen für außerirdische Wesen zu schaffen, welche sich auf der Erde ansiedeln wollen und bereits in Kontakt mit der Regierung stehen“. Hier sehe ich mich zum ersten Mal zu einer Anmerkung gezwungen: Das ist kein Witz!).

Kaum ein Vertreter der Chemtrailtheorie ist auf eine Hypothese festgelegt und kann in den Argumentationsweisen wechseln, sollte ein Gegenargument zu gewichtig sein. Allerdings ist keine von diesen, entgegen der geläufigen Behauptung, mit gewöhnlichen Verkehrsflugzeugen realisierbar, obwohl dies der Hauptansatz der Verschwörungstheorie ist. Wo sollte sich z.B. der Chemikalientank befinden? Im Flügel & Rumpf eines Airliners ist nicht mehr genug Platz, um die doch ordentliche, notwendige Menge an Ausbringmaterial zu lagern. Zudem wären alle Blaupausen aus Lehrbüchern und dem Internet gefälscht (immerhin noch Möglich) und die darauf aufbauende Masse & Schwerpunkt Kalkulationen wären verschoben (gefährlich). Generell ist die Ausbringung im Sinne der Chemtrailtheorie nur über die Triebwerke selbst möglich, da eine Ausbringung durch eigene Ventile Muster außerhalb der Motorenabgase erzeugen würde. Hiervon wurde aber nie gesprochen. So einigten sich viele Anhänger nun darauf, die Chemie sei im Kerosin selbst (wovon auch das Welsbach-Patent ausgeht). Nur so könne die geforderte Menge untergebracht und an die Umwelt abgegeben werden. Hier fängt es allerdings endgültig an, verwirrend zu werden, denn hier sind die Theorien absolut nicht mehr homogen. Im Gespräch sind unterschiedlichste Stoffe, u.a. Aluminium- und Barium-Verbindungen, Antimon, Arsen, Cadmium, Mangan, Zink sowie Viren, Schimmelpilze und Mikrochips (Ich muss mich wiederholen: Das ist kein Witz). Betrachten wir diese Vorgänge im Ganzen:

Wenn Additive im Benzin sind, gelangen sie auch durch die Brennkammer und werden dadurch vernichtet (im Falle von biologischen Stoffen; bei mineralischen oder eisenhaltigen Verbindungen läuft der Motor Gefahr, zu verschleißen (Schmelzpunkt von z.B. Aluminium 660°/ Barium 730°, Temperatur in einer Jetturbine über 1600°)).

Ein weiterer Gegenbeweis: Metallische Verbindungen wie Aluminium- und Bariumbasierte sind nicht in gebräuchlichem (Luftfahrt)Treibstoff löslich.

Gegenargument: Darüber hinaus gibt es keine Belege oder Erkenntnisse, dass die angesprochenen Chemikalien überhaupt eine Wirkung auf Wolken oder Abgasspuren haben (wie beispielsweise, diese länger und haltbarer zu machen).

Es ist doch bemerkenswert, wie viel wir hier schon mit einfacher Logik und sehr begrenztem Verständnis von technischen Vorgängen erreichen können. Im Falle des versetzten Benzins würde bei laufendem Motor ununterbrochen etwas ausgestoßen werden, also auch bevor und nachdem Kondensmuster entstehen. Die silbernen Streifen müssten in diesem Fall vom Start bis zur Landung zu sehen sein (1). Wie viele Flugzeuge wären überhaupt nötig, um ganz Europa flächendeckend zu besprühen? Manchmal hilft schon ein wenig „common sense“, um eine Lüge zu enttarnen. Sieht man nur das, was man sehen möchte, erkennt man aber nur die Hälfte.

Es gibt noch andere Gründe, weswegen es schlicht und ergreifend unlogisch wäre. Wieso beobachtet man „Chemtrails“ über dem Ozean? Was wird da besprüht? Wie bringt man die ständig wechselnden Bodencrews dazu, geschlossenes Schweigen zu bewahren, wenn beim Vorflugcheck auf einmal weitere Auslassventile auftauchen? Sicher, es gibt Gruppendisziplin in beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen, aber eine unüberschaubare Zahl an Fluggerätemechanikern in aller Herren Länder ist keine Spezialeinheit mit Ehrenkodex. Gäbe es nicht auch viel effektivere Methoden, eine Substanz über einem Acker aus zu bringen? Oder geht es doch um Manipulationen der Ozonschicht? Leider hat noch kein Verschwörungstheoretiker die max. Flughöhen von Airbus & Co mit der durchschnittlichen Höhe der Ozonschicht verglichen (2). Und ließe sich ein wachsendes Auftreten von Kondensstreifen nicht auch dadurch erklären, dass immer mehr Flugzeuge betrieben werden?

Sehen wir uns einmal die „Beweise“ für Chemtrails näher an. Das Internet ist überflutet mit vermeintlichen Experten, Bildern und Videos. Dabei fehlt so gut wie immer der Kontext. „Sprühventile“ bei abgestellten Maschinen entpuppen sich als Ablassventile für Öl und Treibstoff; „Chemtrails in Bodennähe beim Abheben“ stellen sich beim näheren Hinsehen als Eis oder Tau heraus, das durch den Luftstrom weggeblasen wird; Politiker, die es „Zugaben“, haben gar nicht von Chemtrails, sondern von Geoengineering als tatsächlich erforschte Überkategorie gesprochen; Bilder von Tanks aus dem Inneren von Großflugzeugen zeigen Wassertanks zur Gewichtssimulierung bei Zulassungsflügen; „Experten aus Medizin und Luftfahrt“ sind gescheiterte Existenzen mit gekauften Titeln, etc etc.). Die Suchbegriffe „Chemtrail 100% proof“ ergeben bei Google 118.000 Suchergebnisse. Ich möchte davon exemplarisch auf 4 als „eindeutige Beweise“ gehandelte Beispiele eingehen, um die oben angesprochenen Erklärungsmuster nachzuweisen.

1) „Ertappt bei frischer Tat, Teil 1“: Mit am häufigsten werden Belege in Videos oder Bildern gezeigt, die Flugzeuge beim „Sprühen“ von Chemtrails zeigen sollen.

Beispiel:

Das Video zeigt ein landendes Verkehrsflugzeug, welches eine nebelartige Substanz hinter den Tragflächen herzieht. Der Titel des Videos lautet „BUSTED pilot forgets to turn off CHEMTRAILS while landing“. Tatsächlich sind die Schleppen hinter den Tragflächen durch Druck- und Temperaturabfall in der ohnehin feuchten Atmosphäre in Abhängigkeit zum Anstellwinkel genauso gut zu erklären. Ein Abstellen der Chemtrails wäre ohnehin nur durch Stillegen der Triebwerke Möglich. Man beachte, dass die Schleppen über die ganze Fläche und Teile des Rumpfes verteilt auftreten und nicht ausschließlich im Bereich der Motoren. Sachlich festgelegt sind Chemtrail-Gläubige aber ohnehin nicht. Hinweise darauf, was wirklich passiert, werden aber nicht zugelassen; Widersprüche nicht bemerkt. Die selektive Wahrnehmung ist am Werk.

2) „Ertappt bei frischer Tat, Teil 2“: Bilder und Videos zeigen Flugzeuge, die tatsächlich mit Tanks ausgerüstet sind und eine Flüssigkeit ablassen.

Was kann das nur sein?

Nur zwei Minuten Recherche ergeben, dass es sich um eine zum Feuerlöschflugzeug umgerüstete Maschine handelt. Man beachte auch hier die Flexibilität in der Argumentation: Ging es nicht gerade eben noch um Airliner und Kondensstreifen? Ähnliches geschieht mit eingebauten Wassertanks zur Simulation des Passagiergewichtes bei Zulassungsflügen. Der Kontext zu dem, wofür die Maschine gebaut wurde, wird in beiden Fällen ausgeblendet. Dabei ist die Verwendung von Tankflugzeugen vielseitig: Zur Ölteppichbekämpfung, Agrarfliegerei, Luft-Luftbetankung und verschiedenartiger wissenschaftlicher Arbeit werden tatsächlich unterschiedliche Stoffe von Flugzeugen ausgebracht. Mit Quellenkritik wäre das nicht passiert.

3) „Die chemische Analyse“: Mit angeblich wissenschaftlichen Analysen zur Zusammensetzung von Chemtrails wirft jede gute Verschwörungsseite um sich:

Wir sehen erhöhte Schwermetall-Werte in Laboruntersuchungen von…Chemtrails? Nein!

Das Bild lässt keinen Schluss darauf zu, was eigentlich analysiert wurde. Lediglich im oberen Bildbereich wurde offensichtlich durch Bildbearbeitung der Begriff „Chemtrails Analyse“ sowie die Sätze „Der Aluminium-Wert ist 10,000 Fach zu Hoch!“ und „Aluminium verursacht Alsheimer“ nachträglich eingefügt. Der Begriff „Alzheimer“ ist falsch geschrieben. Was überhaupt untersucht wurde und ob es eventuell auch andere Quellen (wie Schwerindustrie) geben könnte, wird nicht geklärt. Aus den meisten anderen Beispielen geht zumindest die Art der Probe, wie z.B. „Wastewater“ oder „Ground Sample“ hervor. So oder so handelt es sich um ein falsches Deklarieren bzw. schlicht um Manipulation der Quelle. Hier werden Regen- und Schneewasseranalysen besprochen. Wenige Seiten weiter im Kontext erfolgt ein „Aufruf an die Venusianer und die Meister der Wahrheit“. Der Autor erhofft sich eine „positive Unterstützung“ u.a. von „feinstofflichen Raumbrüdern“ und dem „universellen Christus“. Die erste abstruse Theorie wird mit einer Zweiten verknüpft (Sie ahnen es: Das ist kein Witz (3)).

4) „Der „Experte“ packt aus“: Jetzt aber! Ein Youtube-Video mit dem Titel „Topic of Chemtrail discussed at United Nations Global Warming Session“.

Oh, das ist doch was. Wenn selbst die UN es zugibt…? Dieses Video wird auf Chemtrail-Seiten als ganz besonders 100%iger Beweis angesehen. Was sehen wir genau?

Gezeigt wird eine gewisse Rosalind Peterson bei einer knapp 18-minütigen Rede, die scheinbar während einer Konferenz mit einer veralteten Videokamera in schlechter Qualität aufgenommen wurde. Impliziert wird durch den Begleittext, dass hier ein Mitglied der UN die Existenz von Chemtrails zugibt. Diese Behauptung hält einer genaueren Prüfung nicht stand:

Die angesprochene Konferenz ist keine UN-Konferenz, sondern eine Zusammenkunft von Nicht-Regierungsorganisationen, für die die UN als Schirmherr auftritt. Es handelte sich um die 60. jährliche DPI/NGO Konferenz 2007. Für eine Zulassung als NGO müssen aber keine besonders hohen Hürden überwunden werden. Rosalind Peterson ist die Mitgründerin der „Agriculture Defense Coalition“, deren Link am unteren Ende des Bildschirmes eingeblendet wird und die neben dem eigenen, eher amateurhaften Internetauftritt nur in verschwörungsnahen Seiten zitiert wird. Was bleibt am Ende an Beweiskraft? Rein gar nichts – kein Regierungsvertreter, aber eine zweifelhafte Organisation und nur eine Person, die etwas in eine schlechte Kamera sagt, was in dieser Form auch jeder andere Mensch hätte tun können. Die Behauptung, dass Regierungen Chemtrails zugeben, ist ohnehin eine Sache für sich. Das Projekt ist doch geheim, nun wird es bestätigt, allerdings ohne sichtliche Auswirkungen. Schon morgen ist es wieder geheim. Macht das Sinn?

2012 nimmt Rosalind Peterson ihre Behauptungen über Chemtrails im Übrigen wieder zurück:

Austauschbar ist diese Kategorie von „Beweisen“ mit vermeintlichen Cockpitmitschnitten, Tagungen und allen möglichen Medienauftritten. Die Überprüfung jedes anderen Beispieles wird zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen.

Die Beispiele stehen exemplarisch für eine ungezählte Zahl ähnlicher Behauptungen. Warum schlagen sich die Spuren dieser angeblich weltweiten Verschwörung eigentlich nur in Quellen nieder, die zuvor einiges an Mühe aufgebracht haben, diese „Beweise“ anders aussehen zu lassen? Spricht man die Gläubigen darauf an, folgen meist Ablehnung oder Drohungen. Ähnlich einer Religion bleibt bei schwindenden Beweisen der Glaube die einzige Rechtfertigung. Statt einer Änderung der eigenen Position durch neue Informationen oder Selbstkritik folgen nur Abwehrreflexe.

Ich möchte die Frage anders fortführen: Weswegen begeben sich Menschen eigentlich in konspirative Kreise? Der für mich persönlich interessanteste Ansatzpunkt von Verschwörungstheorien ist, dass diese den Anhänger von der Verantwortung des eigenen Handelns entbinden. Ein Beispiel: „Die Juden regieren die Finanzwelt und steuern Konflikte – da kann nichts gegen tun“. Der Gegenentwurf hierzu könnte z.B. lauten: „Auch ich habe einen Einfluss auf die Gesellschaft, z.B. durch mein Konsumverhalten“. Dieser unbequeme Schritt bleibt den Verschwörungstheoretikern erspart. Wenn die Welt einmal in Gut und Böse unterteilt ist, gibt es nichts einfacheres, als zuhause zu bleiben und sich dem Hass hinzugeben. Der Forscher Roland Imhoff weist darauf hin, dass sich besonders arbeitslose oder unter prekären Verhältnissen lebende Menschen zu Konspirationen hingezogen fühlen. Imhoff sieht darin einen Versuch, sich selbst Kontrolle im ansonsten fremdkontrollierten Leben vor zu spielen. Schließlich ist man im Besitz einer speziellen Erkenntnis, etwas Besonderes. Mit Verschwörungstheorien kann man in der Tat der Realität wunderbar entfliehen: Wo Chemtrails sind, sind auch Atlantis, Reptilienmenschen und Flugscheiben nicht weit (Oder, um es spitzer zu formulieren: Verschwörungstheorien sind nicht nur etwas für dumme Menschen, aber sie setzen durchaus innere Bequemlichkeit vorraus (4)). Das sich um Leute, die alles glauben, irgendwann auch ein lukrativer Markt formt, versteht sich von selbst.

Und wenn es nun unter den zahllosen Belegen nur einen Einzigen gibt, der doch nicht gefälscht ist? Das würde doch ausreichen! Keine Angst – den gibt es nicht. Das gleiche Muster wird immer das gleiche Bild erzeugen. Wer schon bei Zauberern und Elfen daneben lag, wird sich beim Einhorn wieder Irren. Eine gute Quelle aber hat keine unseriösen Kanäle nötig.

Gibt es nun einen klaren Beweis dafür, das keine Chemie durch Flugzeuge ausgebracht wird? Nein, gibt es nicht. Den kann es auch nicht geben, weil die Theorie so ausgelegt ist, dass sie keine Gegenbeweise zulässt. Würde man alle Flugzeuge der Welt gleichzeitig grounden und untersuchen und würde nichts gefunden, wäre dies in den Augen der Konspirationisten immer noch kein Gegenbeweis. Es könnte sich ja um ein lange vorbereitetes Ablenkungsmanöver handeln. Ein Mensch, der aber nur seine eigene Sichtweise gelten lässt, sieht nie die ganze Wahrheit. Bedeutet dies alles jetzt im Umkehrschluss, dass die Welt frei von allem Unheiligen ist und die Superganoven nur im Kino leben? Meiner Meinung nach: Nein. Aber nur ein Paranoider glaubt daran, dass die Welt von Geheimbünden gesteuert wird, die einerseits im Dunkeln arbeiten und andererseits chiffrierte Botschaften in der Öffentlichkeit hinterlassen, sodass eine kleine, ungebildete Minderheit vom eigenen PC aus doch noch auf deren Fährte kommt. Was jetzt folgt, ist meine ganz persönliche Meinung: Die Superganoven unserer Welt arbeiten im Bankensektor, in Politik und Wirtschaft und wollen Ressourcen, Überwachung und Geld. Um eines klar zu stellen:

Es gibt mit Sicherheit Organisationen, die gezielt Mensch & Umwelt schaden und die nicht wollen, das man über sie redet. Den Umkehrschluss, das ein paranoider Mensch nicht verfolgt werden kann, möchte ich – nicht – gelten lassen. Ein Beispiel sind die Enthüllungen Edward Snowdens. Hätte vorher jemand davon gesprochen, dass die weitgehend gesamte westliche Hemisphere systematisch abgehört wird, hätte man dies sicher als Humbug abgetan. Ist dies nun ein Beweis dafür, dass doch nicht alle Verschwörungstheorien unwahr sind? Nein, es ist ein Gegenbeweis. Denn Snowden musste nach seinen Enthüllungen untertauchen, hatte begründete Angst um sein Leben. Wäre es denkbar gewesen, seine Informationen über Kundgebungen und Youtube zu veröffentlichen? Nichts anderes tun Verschwörungstheoretiker aber – sie diskutieren ihren Humbug in sozialen Netzwerken und gehen öffentlich demonstrieren – es ist ihnen nie in den Sinn gekommen, dass ihr Verhalten Konsequenzen hätte, würden sie wirklich eine geheime Wahrheit aufdecken. Dies ist mein letztes angeführtes Argumentationsmuster: Es wird davon ausgegangen, im Besitz geheimer Informationen einer übergeordneten Macht zu sein und befürchtet teilweise auch Konsequenzen, aber es geschieht nichts. Vor Snowden hatten die Konsorten von Bell & Co übrigens keinen Schimmer von der NSA-Affäre. Die Vorgehensweise von tatsächlich stattfindenden „Verschwörungen“ sieht eher so aus: Nach dem, was nahe liegt, hinterlassen Ganovenkartelle keine chiffrierten Zeichen in der Öffentlichkeit und sie kümmern sich um ihre Informationslecks. Finden wir dann (auch nachträglich) Hinweise auf die Ereignisse, streuten diese bis in unvorbelastete Quellen. Gegen Kritiker wird vorgegangen. Ich denke, das westliche Industrienationen Konflikte gezielt unterstützen und dass Wirtschaft und Politik zu eng zusammenarbeiten, auch wenn damit wirtschaftliche Interessen über menschliche gestellt werden. Dieser Text ist kein Aufruf, still zu sitzen. Dinge wie Lobbyismus und Klimawandel existieren und ich möchte dies nicht in Abrede stellen (5). Ich denke, dass die Welt durch Machtkonstrukte gesteuert wird, eben weil diese auf Menschen hier und anderswo reale Auswirkungen haben. Die hohle Erde hat das nicht. Deswegen kann Dr. Axel Stoll ungestört auf YouTube fantasieren, während Systemkritiker in Russland liquidiert werden, wenn diese Kritik üben. Nicht alles hängt zusammen und es gibt meist mehrere Faktoren, aber der Grundgedanke wird, denke ich, klar.

Was nun tun gegen die Probleme der Welt? Eine pauschale Antwort fällt schwer. Mit Sicherheit hilft es wenig, zuhause zu sitzen und sich in (Lynch)Phantasien für den Tag X zu ergehen. Ein Gegenkonzept könnte lauten, sich die gesellschaftliche Agitation für Kanäle mit Auswirkungen jenseits der eigenen Gedankenwelt aufzuheben und zuerst die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Die Akzeptanz der eigenen Verantwortung ist wichtiger als das Suchen nach Schuldigen. Das ist zwar ein vorläufig unbefriedigender und unbequemerer Weg, aber der einzig Nachhaltige.

Der Verfasser hat einen Hochschulabschluss der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und ist im Besitz einer Lizenz für Berufspiloten.

Anmerkungen:

(1) Es ist rein technisch Möglich, einzelne Flugzeugtanks mit versetztem Treibstoff zu befüllen und andere nicht. Durch die Auslegung des Treibstoffsystems in modernen Flugzeugen (ein Haupttank, der von Auxiliarbehältern gespeist wird) ist eine „getrennte“ Verwendung aber trotzdem nicht Möglich. Es kommt früher oder später zur Vermischung. Alles in allem bin ich nicht wenig stolz auf dieses Argument.

(2) Sicher, es gibt eine Vermischung von Flugzeugabgasen mit der oberen Atmosphäre. Da Chemtrail-Anhänger jedoch mehr vom Absinken („Fallout“) der beigefügten Stoffe als vom Aufsteigen ausgehen, ist dieses Argument hier aber nicht anwendbar.

(3) Eine Probe von einem „tatsächlichen“ Chemtrail zu nehmen läge dank moderner Technik übrigens durchaus im Rahmen des Möglichen. Wetterballons für Amateur-Meteorologen sind für einige hundert Euro erhältlich. Mir ist keine Untersuchung bekannt, die von einer tatsächlichen Luftprobe stammt. Die Begründung hierfür lautet auf die schwere Feststellbarkeit von „Nano-Partikeln“ oder auf „militärische Absperrung“ der Chemtrails (?!).

(4) Ein Chemtrail-Gläubiger würde vermutlich widersprechen, seine stetige innere Aufregung als „bequem“ zu empfinden. Die Psychologie schätzt das sich-bewegen in ausschließlich vertrauten Mustern aber als leichter ein, als etwas Neues zuzulassen.

(5) Wer nicht glaubt, welches kriminelle Potential in Regierungen – „unseren“ Regierungen – steckt, informiere sich einmal über die „Operation Northwood“ oder die „SAS Beluga“. Auch die Ausführungen des Arbeitskreises kritischer Juristinnen und Juristen der Humboldt-Universität Berlin über die Vorgänge um das RAF-Mitglied Wolfgang Grams in Bad Kleinen ist empfehlenswert. Hier finden wir Belege über „Verschwörungen“ in seriösen Quellen.

Literaturtipps:

http://chemtrails-maerchen.blogspot.de/
http://chemtrailbilder.de (sehr gute Quellennachweise)
http://www.martin-wagner.org/anti-chemtrails.htm (zumThema Chemtrails durchaus interessante, logische Analysen)
https://www.facebook.com/Wahnwichtel2014?fref=ts (Protokolle der Parallelwelten ganz normaler Menschen. Erschreckend und Interessant zugleich)
Weitere Einblicke: Dr. Axel Stoll, der Assi-Toni der Wissenschaft. Wissenschaftliche Brillianz auf einem Level mit dem Unterhaltungswert

Letzter Zugriff auf Internet-Links am 15.09.2015

Die Rothschilds, die FED und die jüdische Hochfinanz

Ist Kritik an der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild oder der US-amerikanischen Notenbank FED eigentlich per se antisemitisch? Dieses Argument hört man häuftig sobald man auf antisemitische Argumentationen aufmerksam macht. Aber ist dieser Vorwurf berechtigt oder handelt es sich nicht viel mehr um ein Strohmann-Argument? Sicherlich, die Rothschilds waren einst die Bankiers der Fürsten und Fürsten unter den Bankiers. Siehe hierzu auch den sehenswerten zweiten Teil der Dokumentarfilmreihe Der Aufstieg des Geldes von Niall Ferguson.

Allerdings wird die Rothschildfamilie auch »seit dem Beginn ihres großen Einflusses auf die europäische Wirtschaftsgeschichte mit Karikaturen und polemischen Schriften bedacht. Auch Hetzkampagnen traten auf und Verschwörungstheorien, die sich häufig durch einen verdeckten Antisemitismus kennzeichnen. Der Name Rothschild wird häufig als Symbol für den Zionismus, und um die angebliche Allmacht des Weltjudentums über das internationale Finanzwesen anzudeuten verwendet.« Natürlich wurden die Rothschilds auch in der nationalsozialistischen Propaganda gerne als Personifizierung des »Weltjudentums« dargestellt. In unzähligen antisemitischen Pamphleten wurden die Rothschilds als die Verkörperung der vermeintlich allmächtigen und raffgieriegen »jüdischen Hochfinanz« diffamiert. Siehe dazu beispielsweise den NS-Propagandafilm Die Rothschilds – Aktien auf Waterloo.

»Verschwörungstheorien, in denen der Familie Rothschild eine Rolle zugesprochen wird, gibt es bis heute. In unterschiedlichen Versionen existiert die Theorie, die Rothschilds leiteten oder beteiligten sich an einer entweder jüdischen, freimaurerischen, illuminatischen oder außerirdischen Verschwörung, häufig mit den in diesem Umfeld üblichen Ähnlichkeiten oder unkritischen Bezugnahmen auf die längst als Fälschung entlarvten Protokolle der Weisen von Zion. Ebenfalls als Quelle für derartige Theorien werden die allgemein nicht als authentisch angesehenen so genannten Rakowski-Protokolle genannt.«

Aber ist an diesen Behauptungen überhaupt etwas dran? Zählen die Rothschilds heute noch wie einst im 19. Jahrhundert zu den einflussreichsten und wichtigsten Finanziers europäischer Staaten? In der Tat ist das einstmals so mächtige Bankimperium der Rothschilds heute nur noch ein Zwerg gegenüber den großen internationalen Finanzkonzernen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Initialen R.F. (Rothschild Freres = Gebrüder Rotschild) mit R.F. (Republique Francaise) gleichgesetzt wurden. Die nachfolgende Generation der Rothschilds ist durch eine Reihe finanzieller Misserfolge in Verruf geraten. Die Rothschild-Beteiligungen der Erben beschränken sich nur noch auf Weinberge, Kunstschätze, Rennpferde, Paläste und Schlösser. Hierzu muss man nur mal die diversen Rankings der weltweit mächtigsten Banken und Unternehmen googlen, auf denen die Rothschilds längst nicht mehr vorhanden sind.
Obwohl der Stern der Rothschilds also schon lange verblasst ist, erliegen offnsichtlich heute noch viele dem Mythos von der geheimen Macht einer jüdischen Hochfinanz.

Ähnlich verhält es sich mit den Verschwörungstheorien um die FED als den Motor allen Übels der Welt. »Über die US-amerikanische Notenbank kursieren zahllose abstruse Erzählungen. Als private Bank von der jüdischen Familie Rothschild beherrscht, sorge sie für sagenhaften Reichtum der Besitzer sowie ständige Abhängigkeit der Schuldner. Alle Kriege weltweit würden im Interesse der Bank und ihrer Besitzer geführt. Wer die Geschäfte der Notenbank bedroht, werde getötet.« Derartige Äußerungen hört man nicht nur von bekennenden Antisemiten, sondern unter anderem beispielsweise häufig auch von Protagonisten der sogenannten neuen Montagsmahnwachen, die unermüdlich jeglichen Antisemitismusvorwurf weit von sich weisen. Beispielhaft sei hier auf diverse Äußerungen von Lars Mährholz, Rüdiger Lenz oder Ken Jebsen verwiesen. Nicht zufällig verweisen dieselben Gestalten auch immer wieder auf die vermeintliche Allmacht der Rothschilds. Siehe hierzu auch einen lesenswerten Beitrag von Friedensdemo-Watch.

Screenshot eines inzwischen gelöschten Eintrags auf dem Blog von Lars Mährholz. Bild-Quelle: Friedensdemo-Watch.

Screenshots von Lars Mährholz‘ Facebook-Postings. Bild-Quelle: GenFM.

Facebook-Posting von Rüdiger Lenz. Bild-Quelle: GenFM.

Ken Jebsen gibt der FED gar die Schuld am Untergang der Titanic.

Derartige krude Verschwörungstheorien finden sich bedauerlicherweise nicht nur bei einschlägigen Verschwörungstheoretikern wie Mährholz oder Jebsen, sondern werden auch von Politikern wie der FPÖ-Abgeordnetin Dr. Susanne Winter oder der SPD-Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle vertreten.

Facebook-Posting der FPÖ-Politikerin Susanne Winter. Quelle: GenFM.

Facebook-Posting der SPD-Landtagsabgeordneten Sabine Wölfle. Quelle: Friedensdemo-Watch.

Auch Xavier Naidoo ist Anhänger derartiger Verschwörungstheorien. Neben seinem berüchtigten Auftritt bei einer Veranstaltung von Anhängern der sogenannten Reichsbürgerbewegung wettert der Mannheimer Soulsänger in einem Lied über die jüdische Bankiersfamilie Rothschild:

»Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse und steht bepisst in euren Socken. Baron Totschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel.«

In diesem Zusammenhang sei auch noch auf das sehr empfehlenswerte YouTube-Video »Gegen die Mythen – Ursprung und Geschichte des Federal Reserve Systems« verwiesen.

Selbstverständlich muss man auch die US-Notenbank FED oder die Rothschild Bank kritisieren können. Es gibt kaum jemanden der ernsthaft behauptet, dass sachliche und fundierte Kritik etwas mit Antisemitismus zu tun hätte. Allerdings sollte man dabei nicht in die Falle der antisemitischen Hetzer tappen, den systemcharakter des Kapitalismus verkennen und behaupten, dass der Kapitalismus lediglich ein Instrument einer kleinen jüdischen Clique sei, um die ganze Menschheit oder bestimmte Völker zu knechten. Siehe hierzu auch den lesenswerten Artikel Die Nebelgranaten der Fed-KritikerInnen.

Siehe zu diesem Thema auch:

Lars Mährholz und die Rothschilds

https://genfmblog.wordpress.com/2014/09/15/lars-mahrholz-und-die-rothschilds/

Der Antisemitismus der Mahnwachen-Protagonisten

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/der-antisemitismus-der-mahnwachen-protagonisten/

Antiamerikanismus als geschichtsrevisionistische Entlastungsargumentation

https://genfmblog.wordpress.com/2014/10/23/antiamerikanismus-als-geschichtsrevisionistische-entlastungsargumentation/

Gegen Kapitalismus & Krise. Zinskritik als Allheilmittel?

Beitrag von Radio Helsinki über die Veranstaltung der Jungen Grünen Steiermark am 29.11. in Graz. Eine kritische Auseinandersetzung mit verkürzter und rechter Kapitalismuskritik. Diskussion mit Peter Bierl und Heribert Schiedel, moderiert von Evelyn Schalk.

Die politische Ökonomie des Antisemitismus

http://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=18

Die Nebelgranaten der FED-Kritiker

https://www.sozialismus.info/2014/07/die-nebelgranaten-der-fed-kritikerinnen/

Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik

http://www.trend.infopartisan.net/trd0101/t120101.html

Elmar Altvater: Eine andere Welt mit welchem Geld?

http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/altvater/altvater.pdf

“Schaffendes” und “raffendes” Kapital – Die Tauschringe, die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus

http://www.trend.infopartisan.net/trd0504/t160504.html

Blinde Flecken der Kapitalismuskritik – Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung

http://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf

Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt – Finanzjudentum und Westmächte

http://www.hagalil.com/archiv/2006/03/finanzjuden.htm

Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo: Der Faktencheck

Ken Jebsen, Christoph Hörstel, Jürgen Elsässer, Rüdiger Lenz, Gerhard Wisnewski und andere Demagogen übertreffen sich mit Verschwörungstheorien rund um die Anschläge auf Charlie Hebdo. Daher ein kurzer Faktencheck der neun am häufigsten vorgebrachten Argumente die auf eine Verschwörung hindeuten sollen.

1. Die Ermittler wussten bereits unmittelbar nach den Anschlägen, dass es sich bei den Tätern um Islamisten handelt. Das bedeutet, dass die Aktion eine lang vorbereitete False Flag-Operation gewesen sein muss, um mal wieder Stimmung gegen Muslime bzw. den Islam zu machen.

Vermutlich waren bereits der Ausruf »Wir haben den Propheten gerächt« und die Tatsache, dass Charlie Hebdo seit Jahren ob seiner islamkritischen Karikaturen Morddrohungen erhielt und bereits einen Brandanschlag hinter sich hat, starke Indizien dafür, dass es sich bei den Attentätern höchstwahrscheinlich um Islamisten handelt. Für diese Schlussfolgerung muss man nicht gerade Sherlock Holmes heißen. 😉

2. Die Attentäter sind viel zu professionell vorgegangen. Die Täter müssen militärisch ausgebildete Profis gewesen sein.

Der Attentäter Saïd Kouachi hat ein Ausbildungslager der Terrorgruppe Al-Kaida im Jemen absolviert und war daher durchaus bewandert was Waffen und militärisches Vorgehen angeht. Dennoch sind Saïd und sein Bruder Chérif alles andere als professionell vorgegangen. Ursprünglich stürmten sie sogar ein falsches Gebäude und später auf der Flucht raubten sie einer Dame das Auto nachdem sie ihr eigenes Fluchtauto zu Schrott gefahren hatten.

3. Der Selbstmord des vermeintlichen Chefermittlers Helric Fredou einige Tage nach dem Anschlag ist doch ein zu großer Zufall. Wurde er ermordet weil er zu viel wusste?

Der Selbstmord des Polizeikommissars Helric Fredou wurde von diversen Verschwörungstheoretikern zu einer Sensationsmeldung aufgebauscht. Fredou war Komissar der Kriminalpolizei von Limoges und hatte die Routineaufgabe, die Familie eines der Opfer zu befragen. Limoges liegt rund 346 Kilometer von Paris entfernt. Somit war Fredou entgegen den Behauptungen weder an den Ermittlungen direkt in Paris und Umgebung beteiligt, geschweige denn einer der Chefermittler. Nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei war er depressiv und litt unter dem Burnout-Syndrom.

4. Einer der Terroristen hat seinen Ausweis im Auto liegen lassen, während die Terroristen den Fluchtwagen wechselten. Warum nimmt ein Terrorist seinen Ausweis mit und lässt ihn dann auch noch so auffällig rumliegen?

Die Kentrail-Verschwörung hat dieses Argument auf Facebook unter die Lupe genommen: »Hat man vor das Land nach einem Attentat unerkannt zu verlassen, nimmt man den Ausweis mit. Ist man jedoch erkannt worden und weiß, die Grenzen sind dicht und die Polizei ist mit einem Großafgebot auf den Versen, dann solte man sich absichern, in dem man den Ausweis liegen lässt. Das hat einen einfachen und logischen Grund: Es handelt sich um Märtyrer, die anerkannt werden müssen, damit die Terrororganisationen den Hinterbliebenen Geld zukommen lassen können.«

5. Der Supermarkt-Geiselnehmer Amedy Coulibaly war gefesselt und unbewaffnet als er erschossen wurde.

Dieses Argument bezieht sich auf das Video der Erschießung Coulibalys durch ein Sondereinsatzkommando der französischen Polizei. Spielt man das Video allerdings in Slow Motion ab, dann erkennt man sehr wohl, dass Coulibaly erstens eine Waffe in der Hand hält und zweitens zeitweise seine Arme von sich streckt.

6. Die Terroristen haben mit Platzpatronen geschossen.

Verschwörungstheoretiker behaupten, dass man auf den diversen Amateurvideos erkennen könne, dass die Terroristen mit Platzpatronen auf den Polizeiwagen und den Polizisten Ahmed Merabet geschossen hätten. Allerdings stellt sich dann die Frage, wie die Einschusslöcher auf das Einsatzfahrzeug gekommen sind und wohin Merabet verschwunden ist. Wurde ein leerer Sarg beerdigt? Lebt Merabet nun in der hohlen Erde oder wurde er einer Gesichtstransplantation unterzogen? Alternative Theorien, die wesentlich mehr Fragen als die „offizielle Version“ aufwerfen, sind eben nicht die plausibleren Erklärungen.

7. Der schwarze Citroën der als Fluchtauto gedient hat, scheint nicht derselbe Wagen gewesen zu sein, den uns die Medien auf diversen Aufnahmen präsentieren, da das gefundene Fluchtauto schwarze Spiegel hatte und der Citroën auf den Fotos und Videos ganz klar weiße Spiegel hat.

Der Citroën hat schlicht Chromspiegel und je nach Perspektive scheint die Farbe auf einigen Fotos schwarz, da sich die schwarze Karosserie spiegelt, oder eben weiß bzw. silber.

8. François Hollande hat bei seiner Ansprache nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo behauptet, dass die Geheimgesellschaft der Illuminaten hinter dem Angriff stecken würde.

Diese Verschwörungstheorie geht auf einen grotesken Artikel zurück. Hollande sagte in der entsprechenden Rede: “Ces fanatiques, ces illuminés, n’ont rien à voir avec la religion musulmane”. Würden die Verschwörungstheoretiker in einem Wörterbuch nachschlagen, dann wüssten sie, was es mit dem französischen Wort illuminés auf sich hat: “illuminé(e): Personne dénuée d’esprit critique, qui soutient une doctrine avec une foi aveugle, un zèle fanatique”. Der Begriff bezeichnet also jemanden der unkritisch eine Ansicht/Lehre mit fanatischem Eifer unterstützt. Diese Bezeichnung dürfte im übrigen auch auf manch einen Anhänger solch absurder Verschwörungstheorien zutreffen.

9. Hinter dem Anschlag stecken die Rotschilds. Die Bankiersfamilie hat das französische Satiremagazin Charlie Hebdo kurz vor dem Attentat übernommen und wollte durch das Massaker die Auflagen stärken.

Mit dieser Verschwörungstheorie haben wir uns bereits auf Facebook beschäftigt.

Siehe dazu: https://www.facebook.com/GenFM/posts/1029114897105278:0

Die Wiederlegung weiterer Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo findet ihr hier und hier.

Charlie Hebdo – Der Verschwörung zweiter Teil

Wir haben uns bereits hier und in einem Gastbeitrag hier mit den Verschwörungstheorien rund um Charlie Hebdo auseinandergesetzt. Inzwischen sind auch erwartungsgemäß weitere Verschwörungspropagandisten wie RT Deutsch, der Kopp Verlag oder Rüdiger Lenz auf den Zug gesprungen.

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Wenn es darum geht eine blutige Tragödie ideologisch auszuschlachten, dann lassen Aasgeier wie Jebsen oder Elsässer nicht lange auf sich warten.

Der aus Russland staatlich finanzierte Russia Today-Ableger RT Deutsch spekuliert etwa darüber, ob die Attentäter auf Charlie Hebdo gar nur mit Platzpatronen geschossen hätten.

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Aber Antworten auf Fragen wie nun die Einschusslöcher auf den attackierten Polizeiwagen gelangt sind oder ob die vermeintlichen Todesopfer – wie beispielsweise der Polizist Ahmed Merabet – nun zwecks Geheimhaltung den Rest ihres Lebens entweder Piña Coladas in der Karibik schlürfen dürfen oder aber in der Hohlerde mit den Reptilienmenschen verbringen müssen, lässt RT Deutsch freilich offen. Allerdings ist RT Deutsch in der Vergangenheit bereits durch eine ganze Reihe von Falschmeldungen und Manipulationen aufgefallen.

Gerhard Wisnewski hingegen behauptet auf Kopp Online, dass das Video von der Erschießung des Supermarkt-Geiselnehmers Amedy Coulibaly zeigen würde, dass es sich um eine Exekution Coulibalys durch die Polizei gehandelt habe. Zitat: „Genaue Bild-für-Bild-Analysen des Videos haben nun enthüllt, dass Coulibaly keine Waffe in der Hand hielt und gefesselt war, als er aus dem Laden sprang. Offenbar wurde er wie ein Stück Wild vor die Läufe der schießwütigen Bande getrieben“. Spielt man das Video allerdings in Slow Motion ab, dann erkennt man sehr wohl, dass Coulibaly erstens eine Waffe in der Hand hält und zweitens zeitweise seine Arme von sich streckt:

Rüdiger Lenz (Autor des Buches „Das Nichtkampf-Prinzip“, Aktivist bei den Montagsmahnwachen und dem „Friedenswinter“) spekuliert hingegen nicht erst ob es sich nun um eine False Flag-Aktion oder einen Inside Job gehandelt hat, sondern präsentiert auch gleich die vermeintlichen Täter.

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François Hollande hätte laut Lenz in seiner Ansprache nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo behauptet, dass die Geheimgesellschaft der Illuminaten hinter dem Angriff stecken würde. Hollande sagte nämlich in seiner Rede: „Ces fanatiques, ces illuminés, n’ont rien à voir avec la religion musulmane“. Hätte Lenz in einem Wörterbuch nachgeschlagen, dann wüsste er, was es mit dem französischen Wort illuminés auf sich hat: „illuminé(e): Personne dénuée d’esprit critique, qui soutient une doctrine avec une foi aveugle, un zèle fanatique“. Der Begriff bezeichnet also jemanden der unkritisch eine Ansicht/Lehre mit fanatischem Eifer unterstützt. In der Tat würde diese Beschreibung auch auf so man einen Zeitgenossen zutreffen, der jeden noch so absurden Nonsens blind glaubt, den ihm die Propagandisten der deutschsprachigen Verschwörungsindustrie so vorsetzen. Das einzige Wahrheitskriterium scheint oftmals zu sein ob eine Information dem eigenen Weltbild entspricht oder eben nicht.

Was verbindet Verschwörungsideologien und Religionen noch? Die Konstruktion des absoluten Bösen und des Guten als maßgebliches Welterklärungsmuster. Im wahnhaften Extremfall führt dieser Dualismus dazu, dass dieser vermeintlich als das personifizierte Böse (oder im Dienste des Bösen stehende) wahrgenommene Personengruppe die Lebensberechtigung abgesprochen wird. Die historischen und aktuellen Beispiele hierführ sind mannigfaltig. Man denke beispielsweise nur an die Hexenverbrennungen, Hitlers eliminatorischen Antisemitismus oder die Ideologie des Islamischen Staates. Siehe dazu auch unseren Artikel über die Gefahren von Verschwörungsideologien.

Abschließend sei zum Thema Verschwörungstheorien um Charlie Hebdo noch auf ein empfehlenswertes Video von Rayk Anders verwiesen:

Siehe dazu auch:

http://jungle-world.com/artikel/2015/03/51241.html

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/14/er-und-sein-kollege-breivik-jebsen-dreht-weiter-am-rad/

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/10/charlie-hebdo-die-ideologische-ausschlachtung-eines-massakers-2/

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43809/1.html

http://www.huffingtonpost.de/2015/01/11/paris-attentat-verschwoerungstheorien_n_6450856.html

http://motherboard.vice.com/de/read/geballte-digitale-medienkompetenz-erklrt-charlie-hebdo-angriff-zu-false-flag-op

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/uber-inszenierung-undcui-bono.html

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/albrecht-muller-empfiehlt-andreas-von.html

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/08/ken-jebsen-leichenfledderei-teil-1/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/09/ken-jebsens-leichenfledderei-teil-2/

Die Kentrail-Verschwörung 1

Die Kentrail-Verschwörung 2

Friedensdemo-Watch 1

Friedensdemo-Watch 2

Friedensdemo-Watch 3

Charlie Hebdo und die Verschwörungstheorien

Zur geschmacklosen Vermengung von realem Terror und Verschwörungstheorien

Analyse des YouTube-Videos „KenFM: Terror lebt vom Timing“

Ein Gastbeitrag von John Wu

„Gelenkte Demokratie“, „wir werden benutzt“, „das Weltgeschehen ist die Kulisse, dahinter – im Geheimen – spielt sich alles ab“…
Unbenann66t
Wenn ich so etwas schon höre…
Unbenann66t
Obwohl das Konzept der im Hintergrund stattfindenden Verschwörungen festes Sendekonzept von KenFM zu sein scheint, schafft es der Moderator im aktuellen Beitrag endgültig, sich die Krone des schlechten Geschmacks aufzusetzen, indem er auf dem Rücken der Opfer in Paris absurdeste Verschwörungstheorien unter seinen (z.T. jungen) Zuschauern verbreitet. „Terror lebt vom Timing“ – um zu begreifen, was bereits der Titel suggeriert, genügt ein Blick auf einzelne Textstellen.
ipp

Ken Jebsen: »Nur was auch passt ist die Erkenntnis, dass es in der Politik und damit in der Geschichte keine Zufälle gibt.«

Der Autor entwirft gleich zu Beginn einen Zusammenhang zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Der „informierte“ Zuhörer weiß natürlich, worauf der „Journalist“ Ken Jebsen damit anspielt: Dass alles, was an diesem folgenschweren Tag im Fernsehen zu sehen war, nur die gut inszenierte Aufführung einer mächtigen, im Hintergrund agierenden Gruppe von Verschwörern war, die die Fäden des Weltgeschehens von Amerika bis Israel fest im Griff halten.
Unbenann66t
Doch damit nicht genug. In coolen Jugendsprech („hier liegt der Hase im Pfeffer“) erfahren wir, dass dies ziemlich wahrscheinlich auch im aktuellen Fall, den Attentaten von Paris, so war. Was das für ein junges Gehirn auf der Suche nach Erklärungen für die komplexen Geschehnisse der Welt – zumal im Zustand der Verunsicherung nach einem Terroranschlag – bedeutet, kann verharmlosend als politische Verdummung bezeichnet werden. „Fakt ist, die Täter in Paris agierten wie Profis (…), sie bewegten sich wie ausgebildete Special Forces“. Damit ist klar, wer die Anschläge zu verantworten hat: Nicht etwa menschenverachtende islamistische Idioten, sondern „Special Forces“- wahlweise ausgebildet vom Westen, der Nato oder eben – dem Ami.
Karikatur

Von KenFM getwitterte Karikatur des antisemitischen Karikaturisten Carlos Latuff. Diese Karikatur veröffentlichte Jebsen am Tage einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris und zwei Tage nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo.

So geht es weiter. Der – französischen – Politik wird vorgeworfen, einen „Ersatzfeind“ zu kreieren, um von anderen Problemen abzulenken. Die französische Presse müsse sich fragen lassen „wie unabhängig“ sie ist. Flug MH17, die NSA, aber auch Statistiken, die die Häufigkeit, vom Blitz getroffen zu werden, mit der Häufigkeit, Opfer islamistischer Anschläge zu werden, in Verbindung bringen, werden zusammengerührt. Alles unter den Eindrücken der Anschläge von Paris.

Das ist nicht nur extrem geschmacklos, die Umdeutungen der Vorgänge tendiert ins Wahnhafte. Die „Amerikanisierung von Europa“ zuletzt setzt dem ganzen den Hut auf. In einer Zeit, in der jeder und jede auf die Straße geht, weil er/sie sich von „Scheinbarem“ bedroht fühlt, zeigt dies nur, welches ganz persönliche Bedrohungsszenario der Moderator favorisiert.

ipp

Religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum? Passt für Jebsen nicht zusammen.

Was hier angeboten wird, könnte man verharmlosend als eine Art „RTL2“ der politischen Bildung betrachten, als ein dumm – bildendes Element unter vielen, das die selbsternannten „alternativen Medien“ in ihrem Selbstverständnis der Mainstream- und „Lügenpresse“ entgegenhalten. Es ist schlimmer. Die ständige Indoktrination, dass hinter allem eine verborgene Wahrheit liegt, erzeugt beim (vermutlich politisch eher ungebildeten, aber neugierigen) Zuhörer Angst und Ohnmachtsgefühle. Die permanente Nichtanerkennung von realen und politischen Vorgängen und das Umdeuten des Weltgeschehens ist eben alles andere als fundierte Kritik an Staat, Medien und Gesellschaft. Sie schürt stattdessen irrationales Misstrauen und bewirkt das Gegenteil von politischem oder gesellschaftlichem Engagement beim Zuhörer. Wer einmal davon infiziert ist, wird der Welt gegenüber misstrauisch, nimmt nicht mehr aktiv teil, sondern schottet sich ab, wird passiv. Dort im Stillen wartet er dann auf die nächste große Verkündung „hintergründiger“ Informationen des selbsternannten Propheten. Oder, noch schlimmer, er wird zur unkritischen Manövriermasse gewissenloser Demagogen.

Charlie Hebdo – Die ideologische Ausschlachtung eines Massakers

Am 7. Januar 2015 stürmten gegen 11:30 Uhr zwei mit Kalaschnikows bewaffnete vermummte Männer die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und ermordeten zwölf Menschen. Es handelte sich um die Gebrüder Saïd und Chérif Kouachi. Die beiden Franzosen waren die Kinder algerischer Eltern und wurden unter dem Einfluss des islamistischen Predigers Farid Benyettou religiös-politisch radikalisiert. Es handelte sich also um Islamisten mit Migrationshintergrund und diese Tatsache lässt sich leider in Zeiten von Pegida und erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa prima instrumentalisieren. Just zu diesem Zeitpunkt kochte in Frankreich die Debatte um Islamisierung und Zuwanderung u.a. durch Michel Houellebecqs umstrittenen Roman »Unterwerfung« gerade besonders hoch und so ist es kaum verwunderlich, dass auch die rechtsradikale Partei Front National die Tragödie für sich populistisch ausschlachtet. Die Parteivorsitzende Marine Le Pen ging gar so weit, die Wiedereinführung der Todesstrafe zu fordern. Aber auch in Deutschland spielte das Massaker sowohl der NPD und den Pegida-Demonstranten in die Hände, als auch den Protagonisten der Verschwörungsindustrie. Und so sprudelten auch schon die ersten Verschwörungstheorien aus den Untiefen des Internets hervor, als die Leichen der Opfer noch nicht einmal kalt waren. Ganz so plump wie der britische Braunesoteriker David Icke ging man zwar selten vor, denn Icke behauptete auf Facebook, dass es sich bei der Hinrichtung des Polizisten Ahmed Merabet, die zufällig gefilmt wurde, um einen Fake handeln würde.

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Vermutet David Icke mal wieder die Reptilienmenschen hinter dem Anschlag auf Charlie Hebdo?

Die Beantwortung der Frage, ob Merabet nun sein restliches Leben in Neuschwabenland oder der hohlen Erde verbringen muss, damit der Schwindel nicht auffliegt, ließ Icke freilich offen.

Es war nicht schwer abzusehen, dass auch die deutschen Verschwörungsunternehmer das Massaker für sich ideologisch ausschlachten würden und es war ebenfalls nicht schwer zu erraten, wer die Tragödie welcher sinistren Hintergrundmacht in die Schuhe schieben würde. Jürgen Elsässer etwa verfasste kurz nach dem Attentat einen Artikel mit der Überschrift »Der Terror in Paris zeigt, wie Recht PEGIDA hat! Protestiert gegen den Terror, und nicht gegen PEGIDA!« und faselte etwas von einer False-Flag-Operation militanter Islamisten durch CIA und Mossad, denn Hollande hätte die westlichen Russlandsanktionen abgelehnt und das französische Parlament wolle den Staat Palästina anerkennen. Auch die populäre Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv, die laut Lars Mährholz von einem gewissen Mario Rönsch betrieben wird, teilt die Ansicht, dass es sich um eine Strafaktion Israels handeln würde.

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Hat auch hier mal wieder seine Finger im Spiel: Das Weltzionistentum.

Albrecht Müller hingegen spekuliert auf seinen Nachdenkseiten über False-Flag-Operationen der NATO/CIA-Geheimorganisation Gladio und der Geheimloge Propaganda Due (P2). Ins gleiche Horn bließ auch Ken Jebsen und vermutete in einem YouTube-Video die Nato als Täterin. Zitat KenFM: »Wem nützt dieser Anschlag? Gerade jetzt? Wir wissen aus der dunklen Geschichte der NATO, da sie selber über 40 Jahre unzählige Terroranschläge selber durchführte, oder aber ausführen lies. Durch dritte. .Z.B. einschlägig bekannte Neonazis und Rechtsradikale. Dabei gingen die Täter oft mit der selben Brutalität vor wie jetzt in Paris«.

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Zitat Jürgen Elsässer: „Jedenfalls: Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gräber der Toten in Paris“.

Aber was weckte nun Ken Jebsens Misstrauen an der »offiziellen Version«?

Zitat Jebsen: »Wichtig ist, dass es sich in Paris um muslimische Attentäter handeln soll. Das passt. Schließlich sollen die bewaffneten und vermummten Männer während ihrer Tat den Satz ausgerufen haben: „Wir haben den Propheten gerächt“. In perfektem Französisch«.

Wow, zwei gebürtige Franzosen die perfekt und akzentfrei die französische Sprache beherrschen. Sehr verdächtig! Das lässt wahrlich einen jeden kritischen Geist aufhorchen.

Zitat Jebsen: »Was auffällt ist, dass auch dieses Verbrechen schon geklärt zu sein scheint, bevor die Ermittler eine SoKo zusammenstellen konnten. Es müssen Moslems gewesen sein. Genau wie am 11. September 2001. New York wie Paris wurden nach eigenen Angaben völlig überrascht, und dennoch ist in beiden Fällen immer schon Minuten nach den Anschlägen glasklar, in welchem Milieu die Täter zu finden sein müssen«.

Vermutlich waren bereits der Ausruf »Wir haben den Propheten gerächt« und die Tatsache, dass Charlie Hebdo seit Jahren ob seiner islamkritischen Karikaturen Morddrohungen erhielt und bereits einen Brandanschlag hinter sich hat, starke Indizien dafür, dass es sich bei den Attentätern um Muslime handeln könnte. Ein Indiz dafür, dass es sich bei 9/11 um Muslime handeln könnte, war wohl, dass sich Osama Bin Laden und Al-Qaida kurz nach dem Anschlag öffentlich zu ihrer Täterschaft bekannt haben.

Weiterhin argumentiert Jebsen, dass einer der Attentäter seinen Personalausweis im Fluchtwagen vergessen hätte. Das geschah während die Terroristen das Auto wechselten und dieser Zufall sei nun einmal sehr unwahrscheinlich. Stimmt, im Eifer des Gefechts kann man ja nicht mal einen dummen Fehler machen und sein Portemonnaie liegen lassen, wenn man vor dem gesamten französischen Sicherheitsapparat auf der Flucht ist. Jebsen weiter: »Wer nimmt seinen Personalausweis mit wenn er plant Menschen im grossen Stil zu erschießen?«. Gegenfrage: Warum nicht? Damit man sonst nicht identifiziert werden kann, falls man geschnappt wird? Eugène François Vidocq würde wohl im Grab rotieren, wenn er wüsste, dass man der französischen Polizei nur noch die Kompetenz eines Jacques Clouseau zutraut. Und falls man beabsichtigt sich ins Ausland abzusetzen, so wäre es sicher recht praktisch, wenn man sich auch ausweisen könnte.

Desweiteren stellt Jebsen eine Analogie zu Satam al-Suqami her. Der Pass des 9/11-Terroristen hatte die Explosion überstanden und wurde in der nähe des World Trade Centers gefunden – wie übrigens diverse andere Objekte aus Pappe und Papier auch. Klingt unwahrscheinlich? Stimmt, das klingt wirklich nicht sehr wahrscheinlich. Übrigens, die Raumfähre Columbia brach am 1. Februar 2003, bei ihrem 28. Weltraumeinsatz, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander, wobei alle sieben Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Das heißt… es gab durchaus Überlebende. In den Trümmern wurden ein paar Fadenwürmer der Gattung Caenorhabditis elegans gefunden, die zwecks Experimenten im Weltall mit auf die Reise genommen wurden. Wie wahrscheinlich ist das? Und überhaupt: Warum hätten die US-Behörden den Pass ausgerechnet in der Nähe des Tatorts platzieren sollen? Und warum hätten die französischen Behörden den Personalausweis ausgerechnet im Fluchtwagen deponieren sollen? Da hätte man sich durchaus eine kreativere und unverdächtigere Geschichte ausdenken können, um das kriminalistische Geschick der Police Nationale unter Beweis zu stellen.

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Religiöser Fundamentalismus und Märtyrertum? Passt für Jebsen nicht zusammen.

Natürlich ist für Jebsen klar, dass irgendwie auch die Zionisten ihre Finger im Spiel haben müssen, denn schließlich wissen wir aus vielen seiner Vorträgen, wie viel Macht und Einfluss Menschen mit »jüdischen Roots« haben. Und so lässt er es sich nicht nehmen auch in diesem Fall auf sein Lieblingsfeindbild zu referieren:

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Darf zu keinem Thema fehlen: Die obligatorische Anspielung auf die „Antisemitismuskeule“.

Ken Jebsen twitterte also in Anspielung auf die islamkritischen Karikaturen von Charlie Hebdo eine Zeichnung des antisemitischen Cartoonisten Carlos Latuff. Latuff kritisiert mit seiner Karikatur, dass zwar islamkritische Cartoons unter die Pressefreiheit fallen würden, während Kritik am Judentum Antisemitismusvorwürfe nach sich ziehen würde. Aber stimmt diese Behauptung oder spielt Jebsen mal wieder mit antisemitischen Ressentiments, wenn er andeutet, dass ominöse Hintergrundmächte mittels der »Antisemitismuskeule« untersagen, dass scharfe Kritik am Judentum geäußert wird? Werfen wir mal einen Blick auf die Arbeiten von Charlie Hebdo. Stéphane Charbonnier (Pseudonym Charb) ist einer der ermordeten Karikaturisten von Charlie Hebdo. Sein Steckenpferd war u.a. die satirische Auseinandersetzung mit Religionen. Neben der Kritik am Christentum und dem Islam hat sich Charb auch immer wieder satirisch mit dem Judentum befasst. So verfasste er beispielsweise eine Reihe mit dem Titel »Un commandement de la Torah par jour« (Das Gebot des Tages: Die Tora Illustriert von Charb), in der er sich damit auseinandersetzte, dass viele Juden seiner Meinung nach ihre religiösen Werte im Alltag und durch den israelisch-palästinensischen Konflikt ad absurdum führen würden. Auch hier zeigt sich also mal wieder, dass Jebsen antisemitische Verschwörungstheorien bei genauerer Überprüfung ins Leere laufen. Aber vielleicht ist es für Jebsen auch einfach nur unbegreiflich, dass man das Judentum und Israel kritisieren und durch den Kakao ziehen kann, ohne sich antisemitischer Ressentiments und Stereotype zu bedienen.

Bekanntlich kochen besonders in religiösen Belangen die Gemüter der Gläubigen hoch, wenn es um beißenden Spott geht. Mehrmals klagten die katholische Kirche, aber auch islamische Organisationen gegen Charlie Hebdo. Aber muss Satire wirklich ausgewogen und zurückhaltend sein? Kurt Tucholsky schrieb: »Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles«.

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Auch was das Judentum betrifft hat Charlie Hebdo kein Blatt vor den Mund genommen.

Und schließlich kommt Jebsen zu der sensationellen Erkenntnis: »Nur was auch passt ist die Erkenntnis, dass es in der Politik und damit in der Geschichte keine Zufälle gibt«. Was braucht es auch komplexe Erklärungsmodelle, wenn man Feindbilder hat und daher sowieso prinzipiell immer vorher weiß, wer an allem Übel schuld ist? Die gleichgeschaltete Lügenpresse lügt, die Politik ist korrupt, die Wissenschaft ist eingekauft und jeder Kritiker ein bezahlter Desinformant. Es gilt alles und jeden zu hinterfragen – nur eben nicht sich selbst. Wer die absolute Wahrheit und nichts als die Wahrheit wissen will, der muss eben Elsässers Compact-Magazin abonnieren oder KenFM-Videos anklicken, damit Jebsen seine Werbeeinnahmen bekommt. Abschließend bleibt wohl nur noch einen anderen Comiczeichner, nämlich Alan Moore, zu zitieren: »The main thing that I learned about conspiracy theory is that conspiracy theorists actually believe in a conspiracy because that is more comforting. The truth of the world is that it is chaotic. The truth is, that it is not the Jewish banking conspiracy or the grey aliens or the 12 foot reptiloids from another dimension that are in control. The truth is more frightening, nobody is in control. The world is rudderless«.

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Siehe zum Thema Charlie Hebdo und der Auseinandersetzung mit dem Judentum und Israel auch:

http://forward.com/articles/212292/why-charlie-hebdo-must-be-free-to-offend-all-ev/

http://blogs.forward.com/the-shmooze/212244/when-charlie-hebdo-lampooned-jews-too/

https://web.archive.org/web/20140626021238/http://www.charliehebdo.fr/dossier/torah-71.html

Siehe dazu auch:

http://jungle-world.com/artikel/2015/03/51241.html

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43809/1.html

http://www.huffingtonpost.de/2015/01/11/paris-attentat-verschwoerungstheorien_n_6450856.html

http://motherboard.vice.com/de/read/geballte-digitale-medienkompetenz-erklrt-charlie-hebdo-angriff-zu-false-flag-op

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/uber-inszenierung-undcui-bono.html

http://herrkarlsblog.blogspot.ch/2015/01/albrecht-muller-empfiehlt-andreas-von.html

https://genfmblog.wordpress.com/2015/01/11/charlie-hebdon-und-die-verschworungstheorien/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/14/er-und-sein-kollege-breivik-jebsen-dreht-weiter-am-rad/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/08/ken-jebsen-leichenfledderei-teil-1/

https://nazienkel.wordpress.com/2015/01/09/ken-jebsens-leichenfledderei-teil-2/

Die Kentrail-Verschwörung 1

Die Kentrail-Verschwörung 2

Friedensdemo-Watch 1

Friedensdemo-Watch 2

Friedensdemo-Watch 3

Der Hass der Bescheidwisser

Die aktuellen Attacken von Verschwörungstheoretikern bedrohen den Journalismus

von Bernhard Pörksen

Es braucht nur ein paar Klicks, um in einen merkwürdigen, dunklen Fiebertraum abzudriften, eine schweißnasse Angstfantasie, die von einer Medienverschwörung handelt und einer dämonischen Gewalt, die uns alle manipuliert und systematisch belügt.

Die Mainstream-Medien – so heißt es derzeit in Blogs und Foren, in zahllosen Mails an Redaktionen, in wütenden Postings auf Facebook und tausendfach geklickten angeblichen Entlarvungsfilmchen auf YouTube – massieren unsere Gehirne, bis wir die Wahrheit für die Unwahrheit halten und die Illusion für die Realität. Diese Mainstream-Medien, meint man da, hetzen gegen Russland und vergöttern Amerika. Sie reden von dem moralischen Kampf des Westens um Werte und Menschenrechte und meinen doch nur den blutigen Krieg um Rohstoffe und Erdöl. Und schlimmer noch: Sie werden selbst gesteuert, diese Mainstream-Medien, wahlweise vom transatlantischen Lobbyorganisationen, der Nato, den Geheimdiensten, der Hochfinanz, den Rothschilds, den Juden und manchmal auch von gänzlich diffusen Mächten.

Kurzum: Die Idee einer Medienverschwörung – die ideologisch verschärfte Spielform einer ohnehin verbreiteten Medienverdrossenheit – ist momentan schwer in Mode. Sie geistert durch Blogs, die „Propagandaschau“ heißen. Sie ist der Subtext bei den Demonstrationen von Pegida und den Aufmärschen der „Hooligans gegen Salafisten“. Sie findet sich in den Web-Sendungen von „KlagemauerTV“ oder der deutschen Variante von „Russia Today“. Man entdeckt sie in den Videos der geschassten Moderatoren Eva Herman und Ken Jebsen, dem Umfeld des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer oder den Veröffentlichungen von Udo Ulfkotte, Autor des Verschwörungsbuchs „Gekaufte Journalisten“, das sich seit Wochen auf den Bestsellerlisten hält.

Es ist ein gegen die etablierten Medien gerichteter Hass, der diese besonders im Netz verankerte Gegenöffentlichkeit eint. Hier findet sie ihre eigenen Kanäle, Plattformen und Formate. Ihre Vertreter attackieren die „Systempresse“, die „Lügenpresse“ und die „Propagandamedien“, sie schreiben von einem „geistigen Umerziehungslager“, von einem „gleichgeschalteten Medienapparat“ und der Wiederkehr der Nazi-Methoden zur Unterdrückung und Ausgrenzung unerwünschter Auffassungen.

Man kann sich nach erlittener Lektüre all der Postings und Wutbeiträge in einem Anfall ebenso hilfloser wie falscher Arroganz fragen: Sind dies nicht einfach nur schrille Spinner, gleichsam der Narrensaum der Republik? Und muss man die Idee einer Medienverschwörung überhaupt ernst nehmen? Die Antwort lautet: Man muss, denn hier nimmt eine mögliche Zukunft öffentlicher Auseinandersetzung Form an. Hier zeigt sich, in Gestalt des Extrems, eine Antiutopie des Diskurses, die weit über das aktuelle Getöse hinaus weist.

Ein drohender Dialog- und Kommunikationsinfarkt wird hier sichtbar, der einer offenen Gesellschaft gefährlich werden kann. Denn die zu Ende gedachte Manipulationsidee widerspricht so ziemlich allem, was diese offene Gesellschaft ausmacht.

Das fängt beim Menschenbild an. Die radikalen Anhänger einer Medienverschwörung verbreiten eine Anthropologie, die den Einzelnen als unmündiges Opfer betrachtet. Als Opfer von Manipulationsmächten, die im Geheimen operieren. Der Einzelne, das ist die logische Konsequenz, ist im Zweifel unwichtig und verzichtbar. Er versteht ja ohnehin nicht, was in Wahrheit hinter den Kulissen gespielt wird. So schält sich aus der pauschalen Manipulationsidee ein Plädoyer für autoritäre Lösungen heraus – eine Verachtung des Individuums. Mehr noch: Der Abschied vom Mündigkeitsgedanken kann im Extremfall als „ideologische Selbstermächtigung zur Gewalt“ (so der Philosoph Hermann Lübbe) taugen. Schließlich muss den Andersdenkenden – den womöglich vernagelten, schlicht verblödeten oder manipulierten – notfalls mit allen Mitteln gezeigt werden, was wirklich gespielt wird.

Im Paralleluniversum ihrer Foren und Hassbücher konstruieren die Propheten einer großen Medienverschwörung eine Art Kriegs- und Ausnahmesituation, die keine Zeit mehr zu lassen scheint für unvermeindlich zeitraubende Erörterung und ein Denken in Alternativen. Widerstand ist gefordert, unbedingte Gegenwehr ist verlangt. Die Stimmung ist fiebrig, seltsam überhitzt. Von Schriftstellern wie Thor Kunkel wird sie noch geschürt – nur ein paar Kostproben aus einem kürzlich erschienenen Sammelband mit dem Titel „Attacke aus den Mainstream“: Hier schreibt Kunkel, die Medien seien „aus Prinzip antideutsch eingestellt“, Deutschland sei nach 1945 „von außen, von fremden Mächten“ das Rückgrat entfernt worden, und das gesamte Land Opfer eines „repressiven Gesinnungskartells“ der politischen Meinungs- und Medienmacher. Worum geht es? Das geheime Ziel, meint Kunkel, sei der „schleichende Genozid an den Deutschen“, der geplante „Volkstod“ im Namen einer „düsteren Zivilregion namens Holocaust“ – auch dies nicht eben eine Form der öffentlichen Rede, die noch zur Debatte taugen, gar zu ihr einladen würde. Hier ist man, gedanklich zumindest, im Krieg; hier geht es um Sieg oder Niederlage, Tod oder Leben. Warum also noch sprechen?

Offensichtlich ist: Die Verschwörungsidee, deren Extremform eine blutige Spur durch die Menschheitsgeschichte zieht, stiftet apodiktisch Scheinklarheit. Sie täuscht den Durchblick vor und taugt gerade in Krisenzeiten als eine Wertformel des Übels. Ihre Funktion ist simpel. Sie ordnet ein eben noch diffuses Unbehagen auf eine einzige Ursache hin. Für einen gelassenen Beobachter mag die Welt insgesamt als eine Grauzone erscheinen, als ein Wirrwarr verschlungener Interessen, ein riesiges und in jedem Fall nuancenreiches Mischbild, das sich selten eindeutig Schwarz-Weiß-Zeichnungen fügt.

Dem Verschwörungstheoretiker hingegen wird letztlich jedes Detail zum Indiz, zum Beweis seiner großen, so entschieden vorgetragenen These, die von den Kräften des Bösen und dem zum Feind erklärten anderen handelt. Und so sammelt er mit großer Energie die Fehlleistungen der verachteten Mainstream-Medien und summiert – beispielsweise – tatsächliche oder vermeintliche Versäumnisse in der Ukraine- und Russland-Berichterstattung zu einem pauschalen Verdacht. Der konkrete Fall ist dabei stets Beleg für die allgemeine Wahrheit der Konspiration.

Erkenntnistheoretisch zeigt sich in der sorgfältigen Addition von angeblichen oder tatsächlichen Auffälligkeiten der Berichterstattung eine eigenwillige Mischung aus Totalzweifel und Wahrheitsemphase – oder einfach formuliert: Verschwörungstheoretiker zweifeln pauschal an der offiziellen Berichterstattung, aber eigentlich nie an sich selbst und den Ergebnissen eigener Recherchen, weil sie eben doch ganz genau wissen, wer die wahren Drahtzieher sind und was wirklich gespielt wird.

Ein solches Denken hat verführerischen Charme für den Einzelnen, zugleich ist es für den öffentlichen Diskurs gefährlich, weil sich der Verschwörungstheoretiker gegen eine mögliche Widerlegung immunisiert. Jeder Einwand wird von ihm blitzschnell eingeordnet, integriert – und entschärft.

Verschwörungstheoretisch argumentieren heißt eigentlich: der Debatte in der Sache durch die Entlarvung des anderen auszuweichen, denn alles ist bloß Chiffre und Zeichen, ist Indiz von Propaganda und Manipulation. Ist nicht auch, so fragen geübte Konspirationsfantasten, die Kritik der Verschwörungstheorie letztlich nur als Beleg einer Verschwörung? Verwenden die sogenannten Qualitätsmedien, wie es in den entsprechenden Foren und Blogs heißt, diesen Kampfbegriff der CIA nicht lediglich, um ihre bröckelnde Autorität durch die Psychiatrisierung von Kritikern zu retten? Es braucht im Internet nur ein paar Klicks, um sich bei Bedarf mit derartigen Argumentationshilfen zu versorgen.

Schließlich taugt das Netz selbst als Katalysator des verschwörungstheoretischen Denkens – frei nach den Mantra von Marshall McLuhan: Das Medium radikalisiert die Botschaft. Der Grund ist, dass sich so einfach wie nie zuvor in der Geschichte der Kommunikation die einst an den Rand Gedrängten mit Gleichgesinnten verbünde und – mit guten oder schlechten Absichten – ihre Isolation überwinden und überhaupt erst sichtbar werden können. Wer will, bekommt für jede Idee eine Plattform, oder er schafft sich diese selbst. Und wer möchte, findet auch im Akt des Suchens blitzschnell Bestätigung – ohne dass diese Beweise und Bestätigungen notwendigerweise eine Art offiziellen Glaubwürdigkeits- und Realitätsfilter passiert haben müssen.

Der Einzelne ist damit endgültig zum Regisseur seiner Welterfahrung geworden. Er vermag sich aus unendlich vielen Quellen eine private Wirklichkeit zusammenzubasteln, die ihm als allgemeingültige Realität erscheint. Das eigene Denken kann vor dem Horizont der Fülle frei flottierender Deutungen flexibel werden, aber es kann sich eben auch panzern, abschotten und in eine selbst gebaute Echokammer einschließen, in der dann etwa die böse Botschaft von der Medienverschwörung von überall her erschallt. Kurzum: Es ist im digitalen Zeitalter unendlich leicht geworden, Parallelrealitäten und gleichsam wasserdicht versiegelte Mikroöffentlichkeiten zu erschaffen, die sich von den Überzeugungen der Allgemeinheit lösen. Was aber heißt es für das Ideal des Diskurses, wenn die Panzerung des Denkens problemlos möglich wird? Droht die Herrschaft des Wutnomaden, der vereinzelten Sofort-Bescheidwisser, die einfach nur ihren Hass auskübeln wollen? Und wie könnte man vonseiten der gescholtenen Medien im momentanen Reizklima reagieren?

Die Zeiten der Exklusion, der selbstherrlich gelebten Arroganz und der symbolisch oder faktisch errichteten Scheiterhaufen sind vorbei – und das ist, selbstverständlich, eine gute Nachricht, ein Positiveffekt der aktuellen Medienrevolution. Und ignorieren lässt sich die Stimmung aus Verschwörungsrede, Medienverdrossenheit und berechtigter Medienkritik nicht mehr wirklich, dazu ist sie längst zu massiv.

Natürlich muss man antiamerikanische, antisemitische und schlicht menschenfeindliche Denkweisen kritisieren, dies unbedingt. Aber sonst? Der gegenwärtige Journalismus leidet auch an den Spätfolgen der Intransparenz, die er selbst mit befördert hat. Fatal wird es, wenn einzelne Journalisten dann auch noch schlimmste Vorurteile der Verschwörungstheoretiker bestätigen – wie der RTL-Journalist, der sich vor der Kamera der NDR fälschlich als Pegida-Demonstrant ausgab, weil er wohl meinte, sich nur so in das Milieu einschleichen zu können.

Die gläserne Redaktion ist eine Illusion, aber nötig ist doch eine entschiedenere Selbstaufklärung der Branche, eine Bereitschaft, eigene Arbeitsweisen zu begründen, Fehler zu benennen, Vorurteile zu zerstreuen. Das Publikum weiß oft nicht – dies zeigen Befragungen darüber, wie Medien arbeiten -, wie Themenideen und Nachrichten zustande kommen und in welchem Maße Qualität heute erkämpft werden muss, weil die Finanz-Controller längst auch in die Redaktionen einmarschiert sind.

In Zeiten der Glaubwürdigkeitskrise und der porös gewordenen Geschäftsmodelle, in einer Phase der Diskursverhärtung und vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Veränderung von Öffentlichkeit braucht es einen neuen, weniger asymmetrisch organisierten Pakt zwischen den Journalisten und ihrem Publikum, ein großes Gespräch auf Augenhöhe, das die Uralt-Tugenden des Dialogs – Nahbarkeit, echtes Interesse, die Bereitschaft zum Perspektivwechsel – in moderne Formen überführt. Mit der ideologisch-radikalisierten Fraktion der Verschwörungstheoretiker wird man kaum reden können. Aber mit Blick auf die vielen, die anders denken, ist der dialogische Austausch alternativlos, denn eine Demokratie lebt von dem Grundvertrauen in ihre Informationsmedien. Als warnendes Beispiel für den drohenden Diskursinfarkt sind – so gesehen – vielleicht sogar selbst die Verschwörungstheoretiker irgendwie nützlich. Sie machen klar, was auf dem Spiel steht.

Pörksen, 45, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt veröffentlichte er – gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun – das Buch „Kommunikation als Lebenskunst“ (Carl-Auer-Verlag).

Erschienen in DER SPIEGEL Nr. 2 / 5.1.2015